Berlin : Klassik hoch im Kurs

Ein Professor an der Universität der Künste bietet spezielle Seminare an: Musik für Laien und Liebhaber – für alle, die den guten Ton zu schätzen wissen.

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„Schlummre und träume von kommender Zeit, schau’ all das Blühen und Werden“. Hell und klar füllt die Stimme von Isabelle Heiss den Raum, unterstützt von Meike Pfisters Klavierbegleitung. Aufmerksam lauschen die Seminarteilnehmer dem Vortrag des Wiegenlieds von Felix Mendelssohn Bartholdy – ist das ein Volks- oder schon ein Kunstlied? Sind Gesang und Klavier darin gleichberechtigte Partner?

Die Menschen, die sich über solche Fragen einmal wöchentlich in der Musikfakultät der Universität der Künste Gedanken machen, sind keine professionellen Musikkenner. Es sind Erwachsene, die irgendwann ihr Interesse für klassische Musik entdeckt oder wiederentdeckt haben und daher das Seminar „Musik für Laien und Liebhaber“ besuchen.

Seit fünf Jahren wird das Abendseminar jedes Semester von dem emeritierten UdK-Professor, ehemaligen Orchestermusiker und Gymnasiallehrer Christoph Richter geleitet. Die Nachfrage ist so groß, dass der Zehlendorfer sich Verstärkung von ehemaligen Studierenden geholt hat und auch die Sängerin und Gesangspädagogin Heiss sowie die Pianistin Pfister regelmäßige Veranstaltungen anbieten. Die Themenschwerpunkte, ergänzt durch Konzert- oder Opernbesuche, wechseln jedes Semester. Drehte sich bis im gerade auflaufenden Semester bei Richter alles um die Beziehung zwischen Volks- und Kunstmusik, wird der 79-Jährige ab April ein Seminar zum Thema „Wege vom elementaren Hören zum Verstehen von Musik, geübt und erörtert an Musikbeispielen der Kammer- und Orchestermusik“ anbieten.

„Herr Richter hat einen sehr guten Musikgeschmack, es gibt immer viel Neues bei ihm zu lernen“, sagt Quincy Lui. Der pensionierte Physiker aus Charlottenburg besucht das Seminar seit drei Jahren. Schon immer hat er sich für klassische Musik interessiert und im Alter von 46 Jahren angefangen, Klarinette zu spielen. „Doch hat mir stets ein wenig das intellektuelle Verständnis für die Klassik gefehlt“, sagt der 66-Jährige. Nun bringt Lui inzwischen ruhig und selbstbewusst ab und an seine Meinung in die Seminardiskussionen ein. Der Umgangston unter den Teilnehmerin bleibt auch bei verschiedenen Auffassungen freundlich, wozu nicht zuletzt die entspannte, tolerante Art des Seminarleiters beiträgt. „Es kann nicht darum gehen, jemanden von meiner Meinung zu überzeugen. Ich möchte die Teilnehmer darin unterstützen, ihr eigenes Musikverständnis zu entwickeln“, sagt Richter, der an einem Musiklehrbuch für Erwachsene arbeitet und Herausgeber der Zeitschrift „Diskussion Musikpädagogik“ ist.

Zusätzlich zu Richters Seminar wird Sängerin Heiss im kommenden Semester ein Blockseminar zum Thema „Vokalmusik – Szenen des Berliner Musiklebens“ anbieten. Es setzt sich aus drei Seminar- und drei Konzertterminen zusammen. Im Mittelpunkt stehen Kurt Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, Richard Wagners „Tannhäuser“ und geistliche Chorwerke aus der Barock- und Renaissancezeit. Außerdem veranstaltet Pianistin Pfister ein wöchentliches Seminar mit dem Titel „Musiklehre für Laien“. Ziele sind die theoretische Grundlagenvermittlung und die Hinführung zu eigenen kleinen Kompositionen. „Auch dafür muss niemand Vorkenntnisse mitbringen“, möchte Pfister Selbstzweiflern Mut machen.

Einige Volkshochschulen veranstalten ebenfalls Kurse für musikinteressierte Laien. So bietet der ehemalige Dramaturg und heutige Leiter des Kindermusiktheaters an der Deutschen Oper, Curt A. Roesler, wöchentlich die „Zehlendorfer Operngespräche“ an, in denen die Inhalte der aktuellen Spielpläne der Berliner Opern besprochen werden. Und in der Volkshochschule City West findet der Kurs „Ganz Ohr – Einführung in die klassische Musik“ als intensive Vorbereitung von Konzertbesuchen statt, Notenkenntnisse sind daher erforderlich. In diesem VHS-Semester stehen hier Werke von Anton Bruckner und Gustav Mahler auf dem Programm.

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