Berlin : Klassisch schön

Die Staatsoper Unter den Linden feiert Anfang September den 50.Jahrestag des Wiederaufbaus. Glanzvolle Aufführungen im Musiktheater trotz maroder Technik

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Zwei Dutzend Gäste sind da, ein Berliner (der Autor dieses Textes), ansonsten nur Touristen. HansJörg Freyer, unser Führer vom Besucherservice, zeigt auf die Büste gleich am Eingang zum Foyer: Na, kennen Sie den? Beethoven? Mozart? Barenboim? Der Kopf gehört zum Herrn Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, jenem Architekten-Genie, dem der junge König Friedrich II. anno 1741 befahl: Baue er mir eine Oper! Am 7. Dezember 1742 ist das Haus vollendet, es gibt „Cleopatra e Cesare“ von Friedrichs Lieblingskomponist Carl Heinrich Graun, der hier 27 eigene Opern auf die Bühne brachte. Der Architekt vergleicht seinen Bau für die Muse der Musik mit einem „prächtigen Palaste“, der von allen Seiten frei steht und von außen so viel Platz um sich herum hat, „dass 1000 Kutschen gemächlich allda halten können“.

Neuerdings halten die Benzinkutschen allda unten im Keller des Bebelplatzes, aber die damalige Sensation, Europas erstes frei stehendes Musiktheater, ist geblieben, und unser Opernführer erzählt, dass es im Premierenwinter mit der Temperaturregelung nicht wirklich gut bestellt war. Da kommandierte der König reihenweise Rekruten an den Rand des Parketts, damit soldatische Körperwärme das kalte Haus aufheize.

Heute hat man ganz andere Sorgen. Unser Spaziergang führt zu den Garderoben, in denen die hochbezahlten Gesangsstars in ihre Rollen schlüpfen. Spärliches Licht fällt schräg durch ein kleines Fenster in den schmalen Raum; neben dem Schminkspiegel ist einem abgewetzten Rokoko-Sessel die Farbe abhanden gekommen, das wirkt, mit Verlaub, etwas renovierungsbedürftig. Auch die Apparaturen über und unter dem riesigen Bühnenrund hätten eine Erneuerung nötig. „Das Haus befindet sich zur Zeit in einem unzureichenden, teils verhängnisvollen Zustand. Die Bühnentechnik ist marode, der Betriebsablauf durch veraltete Ausstattung und die verstreuten Funktionen kompliziert. Die theatertechnische Einrichtung ist veraltet und risikobehaftet, die Gebäude- und Sicherheitstechnik durchweg mangelhaft.“ So heißt es auf einer Tafel in einer Ausstellung im Apollo-Saal, die den bevorstehenden Jubiläen Unter den Linden gewidmet ist: Im September jährt sich zum 60. Male der Tag, an dem die Oper im damaligen Admiralspalast wieder zu spielen begann. Und vor 50 Jahren, am 4. September 1955, strömten die Gäste zur festlichen Eröffnung des mehrfach im Krieg zerstörten und von 1950 bis 1955 nach den Plänen von Richard Paulick wiederaufgebauten Opernhauses Unter den Linden in die „Meistersinger“.

Gewiss war dies für die arme junge DDR ein Prestigeprojekt, aber bis heute darf über die Akribie, mit der hier eine klassische Schönheit inmitten von Not und Trümmern wiedererweckt wurde, gestaunt werden: Über 50 Millionen Mark soll alles gekostet haben, allein 26 verschiedene Naturwerksteine, darunter teurer Marmor aus Schweden, Frankreich, Italien und aus Bayern, wurden in dem Haus verbaut. Und ganz am Anfang stand ein politischer Skandal. Der Dirigent Erich Kleiber sollte, zurück aus der amerikanischen Emigration, die musikalische Leitung übernehmen. „Herr Pieck ist schwer begeistert von mir“, schreibt der Dirigent über eine Unterredung im Jahre 1951 beim DDR-Präsidenten, „er sagte: Wenn wir vielleicht damit rechnen dürften, daß Sie uns die neuerstehende Lindenoper einweihen würden? Ich sagte: Nicht vielleicht, sondern, wenn Sie sie so aufbauen, wie sie war, ganz bestimmt!“ Über dem Eingang des neuen Hauses prangte schon in Goldbuchstaben die traditionelle Widmung FRIDERICUS REX APOLLINI ET MUSIS („König Friedrich Apoll und den Musen“) – doch kurz vor der Eröffnung stand nurmehr DEUTSCHE STAATSOPER an der Stelle. Funktionäre hatten den Fridericus eliminiert, denn „wir wollen nicht mehr den friderizianischen Musen dienen“. Kleiber kündigt und schreibt an den Intendanten: „Dieselbe oder eine andere ,Stelle’, die den wilden Befehl gab, die Inschrift „binnen zwei Stunden“ zu entfernen, wird sich nicht hindern lassen, in meinen Wirkungskreis einzudringen und mit Anweisungen und Richtlinien meine bisher völlig unbeeinflußte Kunstübung zu stören.“ Zur Einweihung geht der Präsident Wilhelm Pieck demonstrativ in die Proszeniumsloge statt auf den mittleren Balkon, weil dort einst der Alte Fritz gesessen haben soll. Für West-Zeitungen trägt die historisierende Neuschöpfung Zeichen von Maßlosigkeit, Johannes R. Becher meint in seiner Eröffnungsrede: „Volkes eigen steht unmittelbar über dem Eingang dieses Hauses.“

50 Jahre später ist uns das Opernhaus so lieb wie teuer; die kleine Schar, mit der wir das Haus durchstreifen, steht fasziniert hinter der Bühne in einer riesigen schwarzen Halle, hoch wie ein Bahnhof, fast so breit wie die Avenue vorm Haus, bestückt mit Drehbühnen und uralten hydraulischen Hubpodien, die allabendlich von mutigen Technikern zum Spielen gebracht werden zwischen den bunten, zu jeder Vorstellung herbeigerollten Kulissen. Es riecht nach Farben und frischem Holz, Sägen kreischen: Die Bühne erhält einen neuen Belag, wird „beplankt“. Bald triumphiert wieder die Kunst der Musik ebenso wie die der Improvisation. Und so wird es wohl bleiben, wenngleich angesichts altersschwacher Technik manches Stück nur eingeschränkt über die Bühne geht. In der Kulturverwaltung ist man gerade dabei, den Zustand zu analysieren, alles Weitere sei „keine Frage des guten Willens, sondern des Geldes“.

50 Jahre Staatsoper werden nun mit zwei Festkonzerten der Staatskapelle (9./10. September) und einer Parsifal-Aufführung am 11. 9., 16 Uhr, gefeiert. Diese Inszenierung Bernd Eichingers wird auch in den Palast der Republik auf eine Großleinwand übertragen, der Eintritt ist frei. Und wer wie wir neugierig durchs Haus schlendern möchte: Am 10. September ab 18 Uhr gibt es die „Nacht der offenen Tür“ im ganzen Opernhaus Unter den Linden.

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