Berlin : Klaus Brückner (Geb. 1954)

Bloß nicht zu lange an einem Ort, bloß nicht zu lange dieselben Sachen

H. P. Daniels

Brückner kommt aus einem angesehenen Elternhaus. Die Eltern haben jedoch seit der Schulentlassung die Erziehungsgewalt verloren.“ So stand es in einem Bericht zur „Personenaufklärung“ der Abteilung Kriminalpolizei vom Volkspolizeikreisamt Jena. Dort hieß es auch: „Brückner gilt als ausgesprochener Tramper“, der „alle Veranstaltungen von Beatkapellen besucht“. Und dass „bei Brückner Klaus gesagt werden muss, dass er staatsfeindliche Tendenzen offen zum Ausdruck brachte“. Außerdem protokollierte Oberleutnant d. K. Börner: „Brückner wird unter seinen Gleichgesinnten nur Atze genannt.“

Wie viele seiner Gleichgesinnten mit den langen Haaren, die sich „Tramper“, „Kunden“, „Blueser“ nannten, wollte „Atze“ nur raus aus der DDR. Er wollte nicht nur „sozialistische Bruderstaaten“ bereisen, er wollte auch den Rest sehen, die ganze Welt. Und die Rolling Stones. Er träumte vom Pazifischen Ozean und von Kalifornien, von Rockmusik und Woodstock, von Banane und Schokolade, von schönen Pariserinnen und von der großen Freiheit.

Aber als er einen Antrag zur Ausreise aus der DDR gestellt hatte, fingen die Schikanen erst richtig an. Verhöre, Knast, „sozialistischer Verwahrraum“. Er musste seinen Ausweis abgeben und bekam dafür den „PM 12“, das berüchtigte Ersatzpapier, mit dem man nicht einmal mehr nach Polen durfte. Wenn man in eine Polizeikontrolle geriet – Tramper mit langen Haaren wurden ständig überprüft – dann signalisierte der „PM 12“: Staatsfeind! Und die Behandlung geriet besonders gründlich.

Doch Klaus „Atze“ Brückner ließ sich nicht kleinkriegen, er blieb bei seinem Ausreisegesuch. Weder durch Versprechungen noch durch Einschüchterung ließ er sich davon abbringen.

Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR 1975. Er konnte gehen. Mit der Bahn fuhr er raus: Marienborn – Köln – Gießen – Aufnahmelager. Noch ein paar lästige Verhöre durch den Bundesnachrichtendienst, dann endlich fühlte er sich frei und ging erst mal nach Freiburg. Aus Kunde-Ost wurde Hippie-West. Und er tat, was er immer wollte: fuhr in der Weltgeschichte herum, erkundete Städte, Länder, Menschen, Drogen, Frauen.

In London lernte er Englisch, jobbte als Küchenjunge, kiffte und riss jede Menge Frauen auf. Endlich konnte er Pink Floyd auf der Bühne erleben, den legendären Musikclub „Marquee“ besuchen, die neue Punk-Welle miterleben und über die Sex Pistols staunen.

Doch bloß nicht zu lange an einem Ort bleiben, bloß nicht zu lange dieselben Sachen, dieselben Jobs, dieselben Leute, dieselben Liebschaften. Im Dezember 1976 fuhr er mit einem Ford 12M über Frankreich, Deutschland, Österreich, Jugoslawien nach Griechenland. Auf der Insel Ios fand er ein Hippie-Paradies, begeisterte sich für Sonne, Meer, Tomaten, Knoblauch und Oliven. Für große Joints und heiße Bräute sowieso. Und für die Idee, dass man sich eine Gitarre besorgen müsste, um damit durch die Strandcafés zu ziehen. Das gab Geld fürs schöne Leben.

Und schnell war Klaus Brückner wieder auf dem Sprung. Zurück nach Deutschland, Kredit aufnehmen, Daimler Benz kaufen zum Weiterverkauf in Jordanien und wieder auf die Piste: Mannheim, Österreich, Jugoslawien, Türkei. Und jede Menge Abenteuer, Landschaften, Haschisch, Frauen und Rock’n’Roll aus dem Autoradio. „I’m free to do what I want – love me, hold me – ’cause I’m free!“ Der Ex-Ostler sang den Stones-Song enthusiastisch mit. Dann Amman: Auto verkauft und Flug zurück nach Berlin. Das Geld in D-Mark getauscht, Berliner geworden, um der Bundeswehr zu entkommen. Das „Sound“ in der Genthiner Straße wurde zur Stammdisco: „Bräute wie Sand am Meer, Kiffen, Koksen, Saufen“, schrieb er ins Tagebuch.

Nur nach Genthin, zu seinen Eltern, zu seinen alten Freunden konnte er nicht mehr, obwohl es nur einen Katzensprung entfernt war.

Stattdessen ging er nach Hamburg, heuerte als Schiffsjunge an, fuhr auf der MS Dresden von Antwerpen nach Tampa, Florida und weiter nach Panama, Vancouver, Kanada. Irgendwann kamen sie nach New York und Brückner zwei Tage ins Gefängnis, vors Schnellgericht und wieder raus gegen 150 Dollar Strafe. Er hatte sich mit etwas Hasch erwischen lassen, Marke „Panama Red“. Der Kapitän der Dresden schmiss ihn raus, Brückner nahm ein Flugzeug nach Berlin und traf sich wieder mit den alten Kumpels im „Sound“.

Und weiter ging es, diesmal im VW-Bus nach Frankreich, Spanien, rüber nach Marokko, der Sonne entgegen im Februar 1978. Joints, Hendrix, „Hippie-Schnecken“. Und dann noch eine Reise anderer Art: Das LSD hatte ihnen ein Schweizer Hippie gegeben. „Der Blitz der geistlichen Feen schlug wie Götter in mein Gehirn“, schrieb Brückner.

Da war das Marokko-Visum schon abgelaufen und Atze auf dem Weg nach Gomera, mit dem Entschluss, endlich richtig Gitarre spielen zu lernen und dem alten Traum, den Lebensunterhalt damit zu bestreiten. Er lernte es von Bodo: ein paar Tricks auf der Klampfe und wie man den Leuten als Straßenmusiker das Geld aus der Tasche zieht. Zu zweit machten sie die Runde und spielten ihre Lieder vor Touristenlokalen. Sie trafen Baboo und Juan, gründeten mit ihnen die Band „The Dusty Road“ und flogen nach Westafrika. Januar 1980. In Gambia lernten sie einen Typen kennen, der ihnen Auftritte besorgte in Hotels und im Radio.

Zurück in Berlin machte Atze Musik in U-Bahnhöfen, am Zoo, Kottbusser Tor. Um die 150 Mark am Tag. Geld, das leichter verdient war als mit den früheren Gelegenheitsjobs: Tische abräumen, Gärten umgraben, Botengänge, Lieferfahrten. Und ab und zu gefiel er einer Frau, die ihn zu sich einlud und ihm ein Süppchen kochte.

Und Atze musste weiter, weil ihm die Vorstellung ein Graus war, „alle vier Jahre die Wohnungseinrichtung zu wechseln, die Steuern pünktlich zu zahlen, die Stechuhr zu betätigen und sich irgendwo als Leibeigner wiederzufinden“. Er erschlich er sich einen Kredit von 20 000 D-Mark und war schon wieder weg, mit Paul und Alexandra in den USA. Im alten Straßenkreuzer kurvten sie von Miami nach Key West. Brückner kaufte sich eine Gitarre: Martin HD-28, wertvolles Stück. Alabama, Mississippi, Louisiana, Texas, New Mexico, Arizona: Camping-Sex und Drogen und Rock’n’Roll im Radio. Davon träumte Atze: auch mal einen eigenen Song im Radio hören.

In einer Disco in Santa Barbara hätte ihn die Droge „Angel Dust“ fast umgehauen, in Bolinas war es dann wieder schön, „mit viel Magie, Gras und ausgeflippten Hippies“. Und einer älteren Dame, die ihr luxuröses Haus zur Verfügung stellte, wenn Brückner sich ihr zur Verfügung stellte. Der Hippie mit Haut und Haar, einmal wöchentlich. Ein paar Monate ging das so.

Dann wieder Afrika, Mombasa, Kenia, bis das Geld alle war und Atze sich etwas einfallen lassen musste. Touristen herumchauffieren, ein bisschen Geld zur Seite, Rubine davon kaufen und damit nach Zürich, mit neuem Geld und Freundin auf die Kanaren: Gitarren-Sessions, Magic Mushrooms, Stechapfel-Fresspartys.

Dann weiter, Trennung von der Freundin – und ein Abstecher in die CSSR zu einem illegalen Treffen mit seinen Eltern, die er so viele Jahre nicht gesehen hatte. Da war tatsächlich so etwas wie: Sehnsucht. Von jetzt an bis zum Fall der Mauer traf er die Eltern einmal im Jahr bei den Tschechen.

Klaus Brückner nannte sich irgendwann Richy und war weiter unterwegs, Berlin, Essen, Paris, Gomera. Nur, dass er jetzt ein Ziel hatte: etwas werden im Musikgeschäft. Mit unzähligen namenlosen Bands spielte er, ging mit Demobändern bei den Plattenfirmen hausieren, ohne Erfolg. Betrogen hätten sie ihn, klagte er später, seine Songs hätten sie ihm gestohlen.

Die Jahre rannten immer schneller, sie rannten Richy davon. In den Neunzigern nahm er die holländische Staatsbürgerschaft an, gründete ein Tonstudio mit Musikverlag in Amsterdam. Zwischendurch lebte er zwei Jahre in Los Angeles, um mehr über Musik und deren Produktion zu lernen. Später produzierte er Balearen-Pop auf Ibiza. 2003 ging er zurück nach Deutschland, nach Genthin, wo er ursprünglich herkam. Seine Mutter war gestorben, und er pflegte seinen geliebten Vater. Und er schrieb das Buch „Blumenkind“ über seine Reisen, seine Abenteuer, sein Leben. 2006 zog Klaus Brückner nach Berlin und machte sich wieder selbstständig mit Tonstudio und Plattenproduktion.

Im März fand man ihn in seiner Wohnung. Er hatte dort schon eine Woche auf dem Sofa gesessen: Herzversagen. H. P. Daniels

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