Berlin : Klaus Dieck (Geb. 1936)

Kennedys Worte hat er ernst genommen.

Tatjana Wulfert

Klaus hält mit seinem Jeep auf dem Parkplatz eines Kaufhauses, holt eine vorbestellte Waschmaschine ab, wuchtet sie in den Wagen, fährt wieder los. Am Ausgang des Parkplatzes senkt sich eine Schranke. Ein Wachmann kommt aus seinem Häuschen, läuft langsam um den Jeep, bleibt mit verschränkten Armen vor der Fahrertür stehen: „Sie müssen eine Mark bezahlen. Parkplatzgebühr.“ – Klaus reckt den Kopf aus dem Fenster: „Ick hab nur wat abjeholt, hat fünf Minuten jedauert, ick bezahl keene Mark.“ – „Sie müssen aber, sonst kommen sie hier nicht raus.“ – „Dit is Freiheitsberaubung.“ – „Das ist Vorschrift.“ – „Dann schickense mir ’ne Überweisung, ick hab keene Mark dabei.“ – „Sie müssen jetzt bezahlen.“ Klaus legt den Gang ein, tritt aufs Gaspedal. Es kracht, das Holz der Schranke splittert.

Kriecherisch Autoritäten gehorchen? Nein. Sinnlose Anweisungen befolgen? Niemals. Vermeintlich Unerreichbares versuchen? Aber ja!, hätte Klaus gerufen, auch wenn andere empört mit den Köpfen schütteln, zweifeln, sich kleinlaut unterordnen.

Im Herbst 1961 ist die Mauer noch lückenhaft. Am nördlichen Rand der Stadt verläuft die S-Bahn-Strecke durch waldiges Gebiet. Hin und wieder springt ein Ostberliner an dicht bewachsenen einsamen Stellen vom fahrenden Zug. Dort steht Klaus mit seinem Motorrad, bringt den Flüchtling über die Grenze. Einige Male geht es gut. Dann verhaften ihn die Grenzsoldaten. Eineinhalb Jahre sitzt er im DDR-Gefängnis.

Ja, überall gibt es Grenzen, weiß Klaus, sinnvolle auch. Doch muss man unterscheiden können, zwischen menschlichen und unmenschlichen Grenzen. Das weiß er ebenso. Manchmal ist er auf seiner Suche ein wenig zu leidenschaftlich. Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, schnallt er sein Motorrad auf einen Lastwagen, fährt an einem Tag bis Barcelona, nimmt eine Stunde nach der Ankunft an einem Rennen teil. Er ist ein geübter Fahrer, kennt seine Maschine – landet aber doch im Krankenhaus. Oft geschieht ihm das, gebrochene Hände, Arme, Beine. Im Juni 1963 liegt er in einem Berliner Krankenhausbett, eingegipst, unruhig. Der Mann im Radio spricht von nichts anderem: Kennedy kommt heute in die Stadt. Klaus schleicht aus dem Krankenhaus, mischt sich unter die Tausenden vorm Schöneberger Rathaus – und hört den Satz: „Heute lautet in der Welt der Freiheit der stolzeste Satz: Ich bin ein Berliner.“

Für Klaus sind das nicht einfach Worte. Er ist groß geworden im Wedding, der Vater Handwerker, die Mutter Schneiderin, der älteste Bruder im Krieg geblieben, Klaus das jüngste Kind von noch vieren. Einmal im Jahr raus aus der Stadt, zu den Cousinen aufs Land, in den Bombennächten mit der Mutter in den Luftschutzkellern, am Morgen die Trümmer, der Gestank, die Leichen, 1961 die Mauer.

Nach der Schule schlachtet Klaus Kabel bei Siemens aus, schleppt Kohlen, wird mit 17 Vater.

Nein, entscheidet er, ich will anders leben. Er eröffnet einen Reifen-Großhandel am Gesundbrunnen, zieht weg aus dem Wedding in die Nähe des Ku’damms.

Und nimmt Reitunterricht. Klaus sitzt auf dem Pferd, unsicher noch, staunt: Stark und sanft und eigensinnig ist das Tier, so anders als das kühle starre Metall seiner Motorräder. Auf ein Pferd muss man hören, lernt er, muss ihm auch folgen können.

Er gibt sein Wissen weiter, gründet die Leistungsgemeinschaft Reiten e.V., die Kindern, deren Eltern nicht begütert genug sind, die Möglichkeit gibt, erstklassige Pferde zu reiten. Er eckt an, streitet sich, findet dann doch einen Weg. Fährt früh um sechs in den Stall, kümmert sich um die Pferde, fährt dann weiter ins Geschäft, verkauft Reifen, kommt am späten Nachmittag wieder in die Reithalle, bleibt bis in die Nacht. Veranstaltet über 20 Jahre das Turnier „Eröffnung der Grünen Saison“.

Und spürt irgendwann doch sein Herz, sein Alter, seine Grenzen. Die Ärzte setzten ihm einen Schrittmacher ein. Die Maschine scheint wieder zu laufen. Bleibt dann aber unerwartet stehen. Tatjana Wulfert

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