Berlin : Klaus-Dieter Dreschke (Geb. 1958)

„Dem ha‘mse so dit Herz jeklaut im Osten“

Judka Strittmatter

Es war nur kurz, das Leben von Klaus-Dieter Dreschke, und schön war es nicht, wenn man unterm Strich zusammenrechnet. Vieles liegt im Dunkeln, ist nicht richtig auszumachen, weil diese angeknackste Seele den Alkohol zum besten Freund erkor.

Zwar ist im Dreschke-Leben einiges passiert, was manche Leute, die den Osten nicht erlebt haben, heute unter „spannend“ subsumieren würden, und Dreschke selbst, wäre er Zeit seines Lebens eher draufgängerisch als ängstlich gewesen, vielleicht als Räuberpistole verkauft hätte. Aber dem war nicht so. Kein bisschen. Alkoholiker-Eltern in Potsdam, Knast in Ost-Berlin, Freikauf 1983 in den Westen – alles ungewollte Dramatik, die sein Leben, das eh schon nicht auf guten Füßen stand, nur mehr beschwerten, denn ein starker Mensch war Dreschke nicht.

Der Knast, dreieinhalb Jahre, war sein Lebenstrauma. Mit dieser Bürde in den Westen – da können einem alle Gutes wollen – Dreschke hat es nicht geschafft. Obwohl er wollte.

Aber es war jemand für ihn da: Manfred, 30 Jahre älter, eher ein Vater als ein Kumpel, lebenslang. Ihre Begegnung ’83 findet an einem Sommerabend statt, zufällig, am Bahnhof Zoo. Dreschke, lange Haare, Röhrenjeans, kommt aus Marienfelde, Aufnahmelager, und schon der erste Schritt im neuen Leben geht daneben, am Bahnsteig liegt er gleich im Clinch mit einem Fremden, schuldlos oder nicht. Manfred stößt dazu, errettet Dreschke, „auch weil ick fand, so’n Kleener darf doch nich’ verhauen wer’n“. Der Ältere nimmt den Jungen, der Wessi den Ossi, mit nach Hause. So bleibt es, 25 Jahre. Manfreds Frau Lenchen, die beiden sind kinderlos, schließt Dreschke ebenfalls ins Herz. Aber der Kümmerer, der Besorgte, der, dem heute Tränen kommen, wenn er an Dreschkes Tod denkt, das ist Manfred, Lenchen ist tot seit Jahren. Einer, der Liebe brauchte, kam zu einem, der davon viel zu geben hatte. Das einzige Kind in seinem Leben hatte Manfred vor Jahren zur Adoption freigegeben – für ein Bier. Ein Fehler, unauslöschbar schmerzlich für den alten Mann. Klaus-Dieter Dreschke sollte es besser bei ihm haben.

Doch geht so etwas schwer, wenn einer nur am seidenen Faden hängt, den Drogen zuspricht, mit dem Trinken anfängt, ein Wrack ist irgendwann, krank und desolat nur noch. In besseren Jahren arbeiteten beide Männer bei Wachdiensten, am Tage, als die Mauer fiel, gerade bei der Firma Dussmann. Dazwischen Kneipenjobs, mal dies, mal das, alles zu nah am Alkohol, als dass sich irgendetwas hätte ändern können. „Und diese Angst bei ihm“, schäumt Manfred noch heute, selbst klein und winzig, doch mit der Stimme eines Bund-Einpeitschers, „die war so schlimm, die war auch immer da“. Anfang der Neunziger, lange nach dem Mauerfall, ging’s auch für Dreschke zum ersten Mal wieder gen Osten, im Auto saß er, schlotterte, der Knast kam wieder hoch. Manfred meint: „Was im Knast war, da hat er sich nicht immer in die Karten kieken lassen“. Einmal sprach Dreschke von Vergewaltigung, jedoch nur kurz.

Wie sehr einer die Angst nicht los wird, zeigen seine Lebensrituale. Seit seiner Ankunft im so ersehnten Westen wohnte er unterbrechungslos bei Manfred, Frauengeschichten gab es nicht, wenn doch, nur kurz und glücklos. Eine Wohnung in Wedding teilten sich die Männer, schliefen getrennt in einem Ehebett. Nichts Homoerotisches, wie man schnell und lax vermuten würde, da klammerten sich zwei in ihrer Verlorenheit aneinander.

Manchmal spricht Manfred auch bissig über sein „Kläuschen“, dann sagt er Dinge, die man nicht zusammenkriegt. 30 000 Westmark habe die DDR kassiert für seinen Freikauf, „und dafür kommt dann einer, der dem Staat nur auf der Tasche liegt“. Einer, der so was ernst meint, und den nicht die Trauer dabei steuert, würde jedoch nicht Briefe schreiben. An Anwälte und Richter. Rehabilitierung ist das große Wort. Die wurde Dreschke nicht zuerkannt. Wegen „Gefährdung der öffentlichen Ordnung“ und „asozialem Verhalten“ hatte er in der DDR eingesessen. Eine „zwar harte Strafe“, wie das Landgericht in Potsdam meint, aber Anhaltspunkte, „dass die Verurteilungen allein der Disziplinierung des Betroffenen aus politischen Gründen gedient haben“, gebe es nicht. Das aber wollte Dreschke, sich als „Politischen“ begriffen wissen. Und das will heute, wo er tot ist, Manfred für ihn. Es gehe nicht ums Geld, sagt er. Es geht um ein Versprechen, das er dem Sterbenden hat geben müssen.

„Dem hamse so dit Herz jeklaut im Osten“, sagt Manfred. Seine Trauer hat sich lange schon mit Hass vermischt. Und so muten seine offiziellen Schreiben an. Zum einen glasklar formuliert: „In allen Diktaturen und totalitären Staaten gibt es keine normalen Rechtsurteile, in fast allen Fällen sind sie politisch motiviert.“ Dann wieder von Gefühlen übermannt: „Mich haben sie auch auf dem Gewissen und dafür verfluche ich Sie und Ihre Familie und wünsche Ihnen das Schlechteste, was man einem Menschen nur wünschen kann.“

Nach all den Briefen – auf eine gute Wendung hofft der alte Freund des Toten nun nicht mehr. Auch wenn er Dreschke gern davon berichten würde, der in Neukölln begraben liegt. Direkt an einer Mauer. „An eener Mauer, dit um Himmels willen, darf er ja nich’ wissen.“ Judka Strittmatter

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