Berlin : Klaus-Dieter Köppe (Geb. 1952)

Ein demonstrativer Streit – dann Pink Floyd in der Badewanne.

Candida Splett

Eine Wohnung in Moabit. Das Paar, das hier regiert, blickt entschlossen in die Ferne, hinweg über das Durcheinander aus Kinderspielzeug, geerbter Puppensammlung, Papierstapeln, über Computer, Aquarien, die Großfamiliencouch unter dem Lichterkettenhimmel. Klaus mit langem, krausem Haar, vollbärtig mit gezwirbeltem Schnauzbart, Elfenohrring, Kette und Ringen, oberkörperfrei. Gudrun mit weißer Bluse, schulterfrei, umfasst ihn von hinten, ihre Hände in seinen. Die Helden aus einem Fantasy-Roman. Bei genauerem Hinsehen erkennt man: Es ist ein Foto, kein Gemälde. „Da sieht man, dass wir zusammengehören“, sagt Gudrun.

Als Hans-Erich Köppe erfährt, dass das Neugeborene ein Junge ist, schmeißt er den Hörer auf. Die Wut hält an; wie Hund und Katze sind Klaus und sein Vater, ein Leben lang. Als er dreizehn ist, übernehmen seine Eltern die „KW Klause“, eine Kneipe in Lankwitz. Nach der Schule bekommt er dort sein Mittagessen, macht Hausaufgaben und hilft bei der Arbeit. Er mag es, in der Nähe der Mutter zu sein, die ihn sehr liebt, aber wenig Zeit hat.

Nach dem Hauptschulabschluss möchte Klaus Kfz-Mechaniker werden, doch der Vater ordnet eine Tischlerlehre an. Klaus fügt sich, arbeitet aber nur kurz in dem Beruf. Ein paar Jahre jobbt er als Hilfsarbeiter, dann bekommt er eine Anstellung als Hüttenschlosser in einer Glasbläserei.

In dieser Zeit lernt er seine erste Frau kennen. Gabi ist sechzehn, als sie heiraten, Klaus sechsundzwanzig. 1982 wird die Tochter Viola geboren. Ein Jahr darauf lockt das große Geld: Ein Bekannter überredet das Paar, Haschisch über die spanische Grenze zu schmuggeln. Sie fliegen auf, Klaus nimmt die Schuld auf sich und verbringt die nächsten drei Jahre in spanischen Gefängnissen. Er beginnt zu malen und schreibt mehrere Tagebücher voll. Nach seiner Entlassung spricht er fließend Englisch und Spanisch. Ein schwacher Trost, als er in Berlin ankommt. Gabi hat einen neuen Freund, Viola, die Tochter, sagt „Papa“ zum Neuen. Von Klaus’ altem Leben bleiben ein paar Klamotten und die Moto Guzzi.

Er zieht nochmal bei seinen Eltern ein und fängt als Lagerarbeiter bei Zeiss Ikon an. Hier lernt er Gudrun kennen, seine zweite Frau, die dreizehn Jahre jünger ist als er. Ihr gefällt seine imposante Erscheinung, sein bestimmtes Auftreten. Er ist ein väterlicher Typ.

Klaus und Gudrun leben sehr eng zusammen, sie reden stundenlang. Wenn Bekannte zu Besuch sind, die irgendwann die Zweisamkeit stören, streiten sie demonstrativ, bis sich der Besuch dezent zurückzieht. Dann steigen sie in die Wanne und hören bei Kerzenschein Pink Floyd.

Anfang der Neunziger verliert Klaus seinen Job. Nun verdient Gudrun das Geld, und er sitzt zu Hause, unzufrieden. Er schraubt an Computern herum, arbeitet in seiner Werkstatt und im Schrebergarten.

1998 kommt Jasmin zur Welt. In ihrem Kindergarten erfahren Klaus und Gudrun von der Möglichkeit, Pflegekinder aufzunehmen. Das bringt etwas Geld – und vor allem eine Aufgabe für Klaus. Also leben fortan Kinder aus schwierigen Verhältnissen bei ihnen, einmal sind es gleichzeitig vier, dazu Jasmin. Klaus kocht Essen, tobt mit den Kindern und steht nachts auf, wenn die Babys wach werden. Er ist ein liebevoller und auch strenger Vater. Jasmin immerhin weiß, dass sie alles bekommt, wenn sie ihn nur ein klein wenig am Bart krault.

Eines Morgens wacht Klaus einfach nicht mehr auf. Keine Vorahnung, kein Abschied. Kurz zuvor haben er und Gudrun sich noch entschieden, zwei der Pflegekinder dauerhaft aufzunehmen. Das Foto von Gudrun und Klaus erinnert noch an die Kraft, die sie gemeinsam hatten. Candida Splett

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