Berlin : Klaus Elfferding (Geb. 1921)

Er hatte so seine Tricks, nicht nur den des künstlich herbeigeführten Blutstaus.

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Die Abiturienten des Reinickendorfer HumboldtGymnasiums von 1950 erinnern sich noch gut an ihren Lehrer. Jung, athletisch kam Klaus Elfferding mit dem Fahrrad zur Schule und stellte es neben das Pult im Klassenraum. Der Krieg war zu Ende, die Stadt lag in Trümmern, aber dieser Mann versprühte Frische und Enthusiasmus. Seinen weißen Laborkittel trug der Physik- und Mathematiklehrer den ganzen Tag lang wie ein Jackett. Sein pädagogisches Credo: beibringen, nicht einhämmern! Mancher hoffnungslose Fall meinte bei ihm zum ersten Mal etwas von Mathe verstanden zu haben.

Ein talentierter Sportsmann und gewitzter Individualist – aber ein schlechter Fahnenträger, wie er sich gern erinnerte: Zum Heldengedenktag 1938 sollte er, damals selbst Abiturient, die große Standarte tragen. Übertrieben stramm, mit durchgedrückten Knien, stand er 15 Minuten regungslos auf der Bühne. Dann wurde er ohnmächtig und kippte vornüber, die Fahnenstange krachte zwischen zwei Bonzen in der ersten Reihe. Das hatte er vorher berechnet. Der Direktor, ein liberaler Reformpädagoge, rief ihn später zu sich und guckte ihn halb prüfend, halb ungläubig an: „Wie haben sie denn das geschafft?“ Klaus Elfferding hatte so seine Tricks, nicht nur den des künstlich herbeigeführten Blutstaus.

Bis 1961 lebte er mit seiner Familie in Berlin. Aber sie haderten mit der instabilen Nachkriegssituation. Außerdem litt Klaus Elfferding unter Asthma. Er studierte Wetterkarten und sah, dass die Pfalz ein warmes und trockenes Klima bot. Kurz vorm Mauerbau zogen sie nach Landau. Das gemäßigte Wetter bekam ihm, doch etliche Menschen, insbesondere der neue Schuldirektor, blieben ihm fremd. Verwundert stellte er an seinem ersten Arbeitstag fest, dass die Kollegen genau wussten, wer in der Klasse katholisch und wer evangelisch war. Als ihm nahegelegt wurde, den Glauben im Unterricht mit einfließen zu lassen, entgegnete er, es täte ihm leid, aber eine katholische oder evangelische Mathematik gebe es seines Wissens nicht. Um ein weltanschauliches Gleichgewicht zu wahren, lud er, wann immer die Bundeswehr mit ihren Jugendoffizieren in der Schule vorstellig wurde, den Verband der Kriegsdienstverweigerer zum Informationstag ein.

Was seine Frau und seine zwei Söhne wohl meinten, welches seine kreativste Zeit gewesen sei, fragte er sie. Sie dachten, er spiele auf das Familienhaus an, das er entworfen und mit der duldsamen Hilfe eines ausführenden Architekten gebaut hatte. „Falsch! Meine Kriegsgefangenschaft!“ Dann berichtete er, wie er von den Amerikanern beauftragt wurde, mit einem Lastwagen Essen für 10 000 Gefangene heranzuschaffen. Es war nicht die einzige Erinnerung, von der er lebhaft berichtete.

Die politischen Ideale des älteren Sohnes, der in Heidelberg studierte und Mitglied im SDS wurde, waren ihm und seiner Frau Eva, ebenfalls Lehrerin, nicht fremd. Im Gemeinschaftskunde-Unterricht stellte er seinen Schülern die Erkenntnisse von Karl Marx vor. Als der SDS in Heidelberg verboten wurde, gingen sie gemeinsam mit den Studenten demonstrieren. Auch bei der Friedensbewegung machten seine Schüler mit. Einer der Ehemaligen erzählte dem jüngeren Sohn: „Ihr Vater war ein ganz Wilder! In seinem Unterricht wurde sogar geraucht!“

Berlin blieb Klaus Elfferding treu. Regelmäßig besuchte er mit seiner Frau die Söhne, das Auto beladen mit eingekochter rotsüßer Marmelade. Ihre große Leidenschaft blieb das Bergwandern. 40 Jahre alte Wanderkarten, zerschlissen und voll bunter Filzstiftzeichnungen, fand der Sohn im Haus der Eltern. Den letzten Weg gingen sie getrennt. Er folgte ihr zwei Jahre später. Stephan Reisner

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