Berlin : Klaus Haetzel: Diepgens Schrittmacher startet in sein drittes Leben

Brigitte Grunert

Der letzte Arbeitstag vor dem Ruhestand hat einen langen Abend. Ehrensache, dass Klaus Haetzel heute noch den Empfang betreut, den Eberhard Diepgen für ehrenamtliche Sporthelfer gibt. Sport ist sein Lebenselixier, als Extremsportler hat er sich einen Namen gemacht. 32 Jahre war er Chef vom Dienst im Presseamt des Senats, ein Scharnier zwischen Politik und Presse, ein Journalist für Journalisten, immer heiter, hilfreich, zuverlässig, immer das wandelnde Gedächtnis. Und nichts war ihm zu viel. Deshalb hat er noch so viele Urlaubs- und Überstundentage abzubummeln, ehe er am 1. März wirklich mit 60 verabschiedet wird.

Sieben Stadtoberhäuptern - oder muss man neun sagen? - hat er seit 1969 gedient, nämlich Klaus Schütz, Dietrich Stobbe, Jochen Vogel, Richard von Weizsäcker, Eberhard Diepgen, Walter Momper, nebenher im Osten Tino Schwierzina und wieder Diepgen. Als blutjunger Berliner Lokalreporter erlebte er den Bau der Mauer. Kaum war sie gefallen, ließ er sich zum Presseamt des Magistrats abordnen. Er wurde Mompers Verbindungsmann, der erste Westler im Roten Rathaus. Das war Anfang 1990, noch unter dem kommunistischen Oberbürgermeister Christian Hartenhauer. Er organisierte unter Schwierzina das Magistratspresseamt neu. Er brachte mit Ideen und Geschick allerlei zu Wege, was nicht zu den klassischen Aufgaben eines Presseamtes gehört. Im Jahr der Einheitswerdung fragte man nicht viel nach Hierarchien, jeder machte alles.

Der damals begründete Wochenmarkt vor dem Roten Rathaus war Haetzels Idee. Anlass war eine Riesen-Protestaktion von LPG-Bauern, die vor lauter Westwaren ihre Ostprodukte nicht mehr loswurden. Schwierzina und sein Wirtschaftsstadtrat Elmar Pieroth, der einzige Westler im Magistrat, sprangen den Bauern als Marktschreier vom Lastwagen bei. So kam Haetzel die Markt-Idee nach dem Vorbild des Wochenmarktes vor dem Schöneberger Rathaus. Wende-Probleme aber hatten selbst die Ost-Babys. Sie vertrugen die plötzliche Umstellung auf Alete-Nahrung nicht. Haetzel kurbelte Presse-Aktionen an, und rasch war die alte DDR-Marke wieder für einige Zeit zu haben. Er hat viele solcher "Fußnoten der Geschichte" parat.

Seine Kollegen Chefs vom Dienst im Senatspresseamt hat Haetzels Tatkraft und professionelle Gelassenheit auch im größten Trubel immer beeindruckt. Das muss damit zu tun haben, dass ihm das Leben zwei Mal geschenkt wurde. Ende 1979 traf ihn die Diagnose Krebs, schwere Operation. Ein Arzt riet ihm entgegen allen anderen zum Langlauf, eine Art Sauerstoff-Therapie zur Stärkung des Immunsystems. Er glaubte daran, lief um sein Leben, besiegte jedenfalls den Krebs und baute sich nach der "Wiedergeburt" seine Sportwelt. Als Triathlet nahm er an Schwimm-, Lauf- und Rad-Wettkämpfen in aller Welt teil, brachte es auch zum norddeutschen Meister. Auf Hawaii machte er mehrfach den "Ironman" mit, einen verschärften Triathlon: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, dann ein Doppelmarathon. Und beim Radrennen von der Ost- zur Westküste der USA, dem "Race across America", absolvierte er 5000 Kilometer in zehn Tagen. Zwei Bücher hat er inzwischen über seinen Extremsport geschrieben.

Damit ist es nun vorbei; Knochenverschleiß macht sich bemerkbar. Letztes Jahr half er Diepgen noch bei dessen erstem Halbmarathonlauf als "Schrittmacher". Die extrem langen schwarzen Schnalbelschuhe, die jahrelang auf seinem Büroschrank standen, haben mit Sport natürlich nichts zu tun. Die bekam er von einem finnischen Popsänger-Quartett namens "Leningrad-Cowboys" verehrt. Zum Dank dafür, dass er ihr Popkonzert im Lustgarten am 17. Juni 1994 gerettet hatte, machten sie ihn zu ihrem Ehrenmitglied. Das Bezirksamt Mitte hatte den Auftritt zunächst untersagt.

Klaus Haetzel reist nun in sein drittes Leben. Er wird im eigenen Haus auf Mallorca leben und schwimmen - garantiert mit Bravour. Das Umzugsgut ist schon unterwegs. Nimmt er Abschied mit einer Träne im Knopfloch? "Nee, überhaupt nicht." Als Tourist und Ratgeber des Radsports wird er ja öfter in seiner Vaterstadt Berlin sein.

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