Berlin : Klaus Hollenbach (Geb. 1945)

Die Sehnsucht sprach: Geh zur Eisenbahn! Fahr eine Dampflok!

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Eines Morgens stand die Lokomotive vorm Gartentor, eine richtige 80009, 1927 gebaut in Königsberg, 45 Tonnen. Die hatte schon viel Dampf gemacht. Die Nachbarn schauten abwechselnd auf die Lok und dann auf Hollenbachs Garten: Das ist ein ordentliches Wohngebiet, da stehen keine Lokomotiven rum! Und selbst wenn ihr Mitbohnsdorfer irgendwie Anlass gegeben haben sollte zu diesem Spaß – denn etwas exzentrisch war er schon – das hier ging zu weit! Dass hinter Klaus Hollenbachs noch geschlossener Gartentür Gleise verlegt waren, bemerkten sie nicht.

Jahre zuvor hatte sich der Lokführer Hollenbach beim Reichsbahnamt gemeldet mit einer guten Nachricht: Es brauchte die ausrangierte 80009 nicht zu verschrotten, er, Klaus Hollenbach, böte ihr eine neue Heimat, seinen Garten. Da wurde die volkseigene Eisenbahn sehr skeptisch und sprach: Wir können dir die Lok nicht geben, Kollege! Denn die 45 Tonnen Altmetall gehören dem Volk!

Die meisten Menschen, zumal im real existierenden Sozialismus, lernen nur allzu bald etwas, was Klaus Hollenbach nie lernte: aufgeben. Das Aufgeben-Können macht das Leben leichter. Schon etwas Realismus, die ewige Vorstufe des Aufgebens, hätte genügt: Überlebensgroße Zeugnisse des Industriezeitalters gehören nun mal nicht in Hausgärten. Und doch war da diese Sehnsucht nach dem Unmöglichen.

Die meisten glaubten, man müsse, um ihm näher zu kommen, in ein anderes Land reisen oder zumindest in die andere Hälfte Berlins. Dort ist der begabte Klaus auch zur Schule gegangen, auf das Canisius-Kolleg. Bis plötzlich die Mauer zwischen dem Ost-Berliner und seiner Schule stand. Er würde also in der DDR sein Abitur machen müssen, das wirkliche Wissen kennt keine Grenzen. Die DDR, das Land der überaus begrenzten Möglichkeiten, kannte schon welche. Er habe die „Schule des Klassenfeindes“ gewählt, erfuhr der Architektensohn, doch solle er trotzdem seine Chance bekommen. Nicht gerade die Chance, sein Abitur zu machen, wohl aber die Möglichkeit, sich an der zehnklassigen Oberschule zu einem nützlichen Mitglied der sozialistischen Menschengemeinschaft zu entwickeln.

Mit einem solchen Abschluss könne man zwar nicht studieren, aber das sei auch gar nicht nötig, denn das werden nun vor allem die Söhne der Arbeiter und Bauern tun. Doch viele praktische Berufe stünden ihm offen. Vielleicht wusste Klaus Hollenbach damals schon, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten grundsätzlich innen liegt.

Spätestens als Landvermesser muss er es erfahren haben, denn was er da vermaß, war die schlechte Unendlichkeit, die Unermesslichkeit des Immergleichen. Also ging er bei einem Kunstschmied in die Lehre, brachte es zum Meister, war gefragt in seinem Fach und fühlte doch so eine ziehende Sehnsucht tief innen. Wenn er sie befragte, antwortete sie: Geh zur Eisenbahn! Fahr eine Dampflok! – Aber da muss ich doch ganz von unten anfangen, da bin ich doch nur der Heizer!, antwortete der erfolgreiche Schmiedemeister. Als er nicht mehr widersprach, erfuhr Klaus Hollenbach jeden Tag neu, dass Lokführer der Beruf seines Lebens war.

Nur wenn die Dinge, die Eisenbahngeschichte geschrieben hatten, egal ob es eine Lokomotive, ein Wasserkran oder ein Stellwerkhebel war, weggeworfen, oder wie die DDR das formulierte, „der Altmetallverwertung zum Wohle des Volkes zugeführt“ werden sollten, machte ihn das jedesmal traurig. Und nun diese 80009, dieses Wunderwerk von einer Lokomotive.

Er setzte sich in seinen alten Mercedes – er besaß auch viele schöne alte, mehr oder minder schrottreife Autos – und fuhr jahraus, jahrein landauf, landab durch die Republik, um Schrott zu sammeln. Er brauchte 45 Tonnen für den Tausch gegen die Lok.

Mit seinen gesammelten Wiegenachweisen erschien er schließlich im Verkehrsministerium, wobei er den Zeitpunkt größtmöglicher Abwesenheit des Verkehrsministers gewählt hatte. Seinem Stellvertreter war von dem Vorgang nichts bekannt und er genehmigte den Erwerb der Dampflok.

Und so kam der vielleicht schönste Tag im Leben von Klaus Hollenbach. Ein in keinem Fahrplan vorgesehener Zug fuhr 1981 vom Leipziger Hauptbahnhof nach Berlin-Grünau. Er hatte genau einen Waggon, darin saßen seine Frau und seine Kinder. Hollenbach stand im Führerhaus. In Grünau setzte ein Schwerlastkran die Lok von den Gleisen auf einen Tieflader. Nach anfänglicher Skepsis und der Auskunft, volkseigenes Schwergerät nicht für Privatzwecke ausleihen zu können, war die Verweigerung von Kran- und Tiefladerfahrer warmer Anteilnahme gewichen. Jederzeit wieder! Und so stand die Lok schließlich vor Klaus Hollenbachs Gartentür.

Andere Menschen haben Wege in ihrem Garten, er hatte Schienen. Und bald auch Signale, die keiner mehr brauchte, Stellwerkhebel, Gleislaternen. Sicher, es waren nicht die Entfernungen, die seine 80009 seit 1927 gewohnt war, aber wenn er sie gut unter Dampf setzte, konnte sie schon ein paar Meter schaffen.

Kurz nachdem der Kran die Lok auf dem garteneigenen Gleis abgesetzt hatte, klingelte bei der Polizei das Telefon. In einem Bohnsdorfer Garten fahre eine Dampflok! Die Polizei war schwer verärgert. Mit ihr, das Volk möge sich das merken, sei nicht zu spaßen. Und legte auf.

Wenn der Lokführer Hollenbach nach Hause kam, machte er manchmal seiner Lok Dampf – schließlich besaß er eine Betriebserlaubnis – und sie fuhr schwer atmend durch seinen Garten. Und der war durchaus sehenswert, denn bei Hollenbach wuchs schon damals alles, was sonst nirgends wuchs, schon gar nicht vor oder hinter Berliner Einfamilienhäusern. Höchstens noch im Botanischen Garten in West-Berlin. Mag sein, dass der größte Teil der großen weiten Welt jenseits der Mauer lag, aber sie begann auf diesem Grundstück mit einem Liriodendron tulipifera, einer Catalpa und vielen anderen Nicht-DDR-Gewächsen. Die Nachbarsfrauen besahen missmutig ihre vormals weiße Wäsche, auch reagierten ihre Trommelfelle empfindlich auf die Pfiffe der 80009. Nur Hollenbachs Frau sagte gar nichts, höchstens: Kann ich Dir helfen?

Andere lernen Männer kennen, Monika Hollenbach hatte eine Orgel mit Mann kennengelernt. 1254 Pfeifen, 26 Register. Die Golgathakirche in der Borsigstraße hatte 1963 ihr altes Instrument loswerden wollen, aber eine Orgel auf dem Müll – geht denn das? Klaus Hollenbach nahm sie – lange vor der 80009 – auf, schon weil es keine Gegenwart ohne Vergangenheit gibt. Und er nahm Unterricht bei einem Orgelbaumeister. Seine Frau liebte den Lokführer mit Orgel, liebte ihn für sein Verhältnis zum Gestern, für die große Welt in ihm.

Das Instrument auf dem Dachboden, die Lok unter einer großen Plane – so traf ihn die deutsche Einheit an. Wenn ein Land der wesentlich erweiterten Möglichkeiten auf einen Menschen der unbegrenzten Möglichkeiten trifft, ist das ganz sicher ein Glücksfall. Hollenbach baute seiner 80009 nun einen Lokschuppen, rot-gelb verklinkert, mit originalem Rundbogenklapptor und Revisionsgrube. Er holte die Orgel vom Dachboden – sie sollte einen Klang-Raum bekommen. Acht Meter hoch mindestens. Also begann er, rings um die Orgel ein Haus zu bauen und nannte es „Villa Monika“.

Manche Menschen wissen schon mit einem einzigen Leben wenig anzufangen, er hätte mindestens sieben gebraucht. Vor sechs Jahren traf eine Gerüststange Klaus Hollenbach schwer am Kopf. Sein Sehvermögen blieb gestört, er musste seinen Beruf als Lokführer aufgeben. Und dann kam die Krankheit.

Hollenbach gehörte nicht zu den Menschen, die Krankheiten Macht über ihr Leben einräumen. Er war zur Chemotheraphie im Virchow-Klinikum, als er draußen auf dem Bahngelände einen alten Lichtmast sah. Der sollte weg, hatte er gehört. Hier war schnelles Handeln erforderlich. Klaus Hollenbach teilte seinem Arzt mit, dass er sich gezwungen sehe, einen Tag Urlaub von der Chemotherapie zu nehmen, er habe da etwas zu erledigen. Man erklärte ihm, dass eine Chemotherapie dem Zweck diene, dass Menschen wie er auch künftig noch etwas erledigen könnten, nur eben nicht jetzt. Er sah das anders.

Der Lichtmast stand längst in seinem Garten, als er ins Virchow-Klinikum zurückkehren musste. Spätestens in diesem Jahr hatte er die bis auf die vorletzte Pfeife restaurierte Orgel in der „Villa Monika“ spielen wollen, auf der Empore in seinem 8 Meter hohen Wohnsaal. Freunde hatten sich Bach gewünscht. Er hat es nicht mehr geschafft.

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