Berlin : Klaus Schäfer (Geb. 1943)

Der Klaus, den sie kannten, eignete sich wenig für eine Heldenbiografie

Jörg Machel

Klaus und Sheela hatten einander einiges zu verdanken. Sie fanden sich irgendwann bei der Suche nach etwas Essbarem und blieben beieinander. Sheela war eine Promenadenmischung mit reichlich Schäferhund in den Genen, kein Schoßhündchen jedenfalls. Mit dem Hund kam Klaus nicht mehr problemlos in die Notübernachtung und begann sich nach einer Wohnung umzusehen. Eine Weile fand er Zwischenquartier im Heizungskeller der Thomas-Kirche am Mariannenplatz und dann, endlich wieder eine eigene Wohnung. Manchmal aber, wenn es draußen warm war, zog er auch später noch mit Sheela los, packte sich einen großen Picknickkorb, setzte sich in die S-Bahn, fuhr bis zur Endstation und durchstreifte die Wälder. Wenn er wiederkam, schwärmte er von der Natur und dem Nachthimmel und der Freiheit, die man nur so wirklich spüren kann.

Die Wärmestube der Kirche hatte er lange genutzt, jetzt wurde er zum Helfer. Mit seinem Geschick machte er dem Haushandwerker Konkurrenz, zeitweise jedenfalls. Eine ernsthafte Alternative war er dann doch nicht. Vor allem in der Kleiderkammer der Emmaus-Kirche engagierte er sich – wo er sehr darauf achtete, dass jeder nicht mehr Sachen bekam, als er wirklich brauchte. Klaus sah sich die Leute genau an. Dass er selbst nicht frei war von einer gewissen Geschäftstüchtigkeit zeigte sich, als sich zwei Frauen über ihn beschwerten: In der Kneipe um die Ecke hatte er ihnen genau die Sachen zum Kauf angepriesen, die sie tags zuvor gespendet hatten.

Vor der Obdachlosigkeit in West-Berlin lagen viele Jahre Knast in der DDR. Klaus sah sich gern in der Rolle des Verfolgten der „roten Diktatur“, seine Opferrente galt als Beleg für ein Leben im Widerstand. Nicht wenige seiner Kumpane trauten der Sache nicht; der Klaus, den sie kannten, eignete sich wenig für eine Heldenbiografie. Eine Geschichte erzählte Klaus oft: Als er seine Stasi-Akte einsehen konnte, erfuhr er, wie oft sein Vater versucht hatte, ihn im Knast zu besuchen. Davon hatte man ihm nichts gesagt. Inzwischen war der Vater tot, und es tat ihm weh, diese Anteilnahme nie gewürdigt zu haben.

Seine Saufexzesse waren berüchtigt. Wer auf seine Hilfsdienste wartete, konnte dann höchstens auf einen kurzen Anruf hoffen: „Bin noch blau, kann nicht kommen.“ Und immer wieder gab es Ärger. Einmal biss sein Hund zu, und es kam eine Anzeige. Der Amtstierarzt wurde eingeschaltet, Sheela sollte eingeschläfert werden. Klaus holte den Pfarrer zur Hilfe; beim Krisengespräch war zu erfahren, dass ein Hund völlig die Orientierung verliert, wenn sein Halter besoffen ist und sich merkwürdig verhält. „Wenn der Leitwolf versagt, wird der Hund gefährlich“, erklärte der Tierarzt. Klaus versprach, nie wieder zu trinken; jedenfalls nicht, wenn der Hund bei ihm war. So rettete er Sheela vor der Spritze. Ihrem Alter konnte er allerdings mit keinem Schwur begegnen. Irgendwann starb das Tier, und Klaus trauerte lange.

Vor zehn Jahren wurde er selbst sterbenskrank. Er hatte Krebs, ein Lungenflügel musste entfernt werden. Seine Freunde waren geschockt und voller Mitleid. Klaus meinte: „Ein Flügel hat 60 Jahre gehalten, wenn der andere auch so lange macht, dann bin ich 120. Älter will ich sowieso nicht werden.“ Zehn Jahre hat der übrig gebliebene Lungenflügel gehalten. Einen Tag nach seinem 71. Geburtstag starb Klaus Schäfer im Urban- Krankenhaus. Jörg Machel

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