Berlin : Klaus Schiemann (Geb. 1939)

Immer bescheiden, im Rahmen der Möglichkeiten.

Kirsten Wenzel

Zu seinem 25. Dienstjubiläum gab die Firma ein großes Fest mit Buffet und eisgekühltem Sekt. Froh waren sie in dem angesehenen Möbelhaus, dass sie ihn hatten, den „hochverdienten Mitarbeiter“, der mit seiner großen rechteckigen Brille nach den Dankesreden verlegen in ihrer Mitte stand. Als Lehrling, mit 15, hatte Klaus Schiemann hier angefangen und war zum Leiter der Deko-Abteilung aufgestiegen. Ein begnadeter Verkäufer, mit dem Gefühl für Farbkompositionen. Auch mit dem Händchen für die bessere West-Berliner Gesellschaft, die bei ihm die teuren Stoffe und Teppiche fürs Eigenheim in Zehlendorf oder Grunewald erwarb. Geld spielte oft keine Rolle, eine Freude, da beraten zu dürfen.

Schon als er sich die Lehrstelle suchte, wusste er: bloß nicht in so einer kleinen Klitsche arbeiten, was Ordentliches sollte es schon sein. Qualität. Natürlich kaufte auch er fürs Wohnzimmer in Buckow die teuren dänischen Teakholzmöbel, auch wenn er dafür lange sparen musste. Doch er konnte gut rechnen. Mathematik hätte er eigentlich gern studiert oder Chemie, doch dazu fehlte damals das Geld. Blieb die Freude an seinen flinken Kalkulationen für die Kunden. Und gelegentlich spielte er bei einem Skattournier mit und räumte die Preise ab.

Immer bescheiden, im Rahmen unserer Möglichkeiten, sagte Schiemann zu seiner Frau. In der Tanzschule hatten sie sich kennengelernt, waren füreinander die Ersten und Einzigen, blieben es ihr Leben lang. Das Häuschen in Buckow bauten sie auf dem Grundstück der Großmutter, in deren Gartenlaube er aufgewachsen war. Ein riesiges Grundstück, mit Nussbäumen und Fliedersträuchern. Das Haus darauf geriet auffällig klein: drei Zimmer, eine Veranda. Ein befreundeter Architekt sagte: „Hier passen doch noch drei Reihenhäuser drauf. Mensch Klaus, du kriegst doch Kredit.“

Nach seinem 30. Dienstjubiläum geriet das Möbelhaus in Schwierigkeiten. Er war noch keine 50. Ein Lieferant übernahm ihn, als Polsterverkäufer. Im zweiten Jahr wurde sein Arbeitsvertrag auf ein Provisionssystem umgestellt, sehr zu seinen Ungunsten. Das Kleingedruckte hatte er überlesen. Er litt ein Jahr lang, dann wechselte er in den Außendienst einer westdeutschen Stofffabrik. Obwohl in Berlin seine treuen Kunden saßen, schickte der Chef ihn nach Brandenburg. Jeden Tag fuhr Schiemann nun mit dem Kofferraum voll teurer Stoffproben und Musterblöcke hinaus. Ohne Erfolg. Die Auftraggeber aus Westfalen wunderten sich, dass „der Topverkäufer“ Schiemann keine „Topzahlen“ lieferte. Sie boten ihm an, noch Mecklenburg-Vorpommern zu übernehmen, oder man müsse sich eben trennen. Schiemann gab auf. Saß nun zu Hause in Buckow, arbeitslos.

Seinem Garten sah man an, dass es ihm nicht gut ging. Das Unkraut wucherte. Schiemann zog sich zurück, nahm an Gewicht zu, der Blutdruck stieg. Herzinfarkt. „Was soll aus uns werden?“, fragte er. Dabei hatte seine Frau eine sichere Stelle, das Kind war groß, das Haus abbezahlt. Die Ängste seiner Kindheit kamen hoch: der in Stalingrad gefallene Vater, das Wegrennen vor den Russen, die Mutter, die wenige Jahre später tot auf einer Bahre an ihm vorbeigetragen wurde. Er war 13 damals und hatte nur noch die Oma in West-Berlin. Sie starb, als er 17 war. So war aus ihm ein Mensch geworden, der die Sicherheit brauchte, mehr als alles andere. Es kamen Hautkrankheiten, ein Schlaganfall, noch ein Herzinfarkt.

Jahre dauerte es, bis die Ärzte das Wort „Depression“ aussprachen und auch, was man dagegen tun kann. Er fuhr zur Kur an die Ostsee, entdeckte das Aquarellieren, fand wieder Lebensmut. Er wollte sogar wieder tanzen gehen. „Eigentlich habe ich alles erreicht“, sagte er zu seiner Frau, „einen Baum gepflanzt, ein Haus gebaut, einen Sohn gezeugt. Immer im Rahmen meiner Möglichkeiten.“ Sogar die Maiglöckchen im Garten machten ihm am Ende wieder Freude. Aber der Körper spielte nun nicht mehr mit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar