Klaus Wowereit : Der nette Berliner

Erst plauderte sich Klaus Wowereit durch Hamburg, heute Abend ist er Gast bei "Beckmann" und wird nicht nur über sein zwiegespaltenes Verhältnis zu Journalisten sprechen. Wowereit kann man sich derzeit scheinbar nicht entziehen.

Antje Lückingsmeier

Klaus Wowereit lud ein – so hatte es den Anschein, obwohl Berlins Regierender Bürgermeister doch zu Gast in Hamburg war, eingeladen von der Wochenzeitung "Zeit" zu einer Matinee. Danach war noch seine Buchpräsentation im Varieté-Theater "Schmidts Tivoli" an der Reeperbahn geplant, und selbst heute Abend ist der Berliner noch gefühlt in Hamburg, wenn er in der ARD-Talksendung "Beckmann" ab 22.45 Uhr über sein zwiegespaltenes Verhältnis zu Journalisten spricht. Die Sendung wurde aufgezeichnet, doch auch Hamburg spürt: Wowereit kann man sich derzeit nicht entziehen.

Doch zunächst saß Klaus Wowereit am Sonntag auf der Bühne der Kammerspiele. Im dunklen Anzug und mit roter Krawatte wirkte er zwischen dem Moderatorenpaar, "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe und Reporterin Susanne Gaschke, als sei dies sein Publikum, seine Stadt, sein Auftritt – und vor allen Dingen sein Buch, um das es ging. Zwar trug die Veranstaltung den Titel "Prima Klima in Berlin – Wie sexy ist der arme Osten", doch gesprochen wurde in erster Linie über die Autobiographie des 53-jährigen Wowereit, der erklärte, "ich schreibe lieber jetzt auf, was ich erinnere, bevor sich im Alter Dinge verklären oder in Vergessenheit geraten".

"Der beliebteste Bürgermeister seit Willy Brandt"

Rainer Esser, Geschäftsführer der "Zeit", stimmte das Publikum auf den Besuch aus Berlin mit den Worten ein, sich auf einen der spannendsten Politiker unserer Zeit zu freuen, der trotz hoher Verschuldung seiner Stadt, trotz rigiden Sparkurses der beliebteste Bürgermeister seit Willy Brandt sei – den Mann, von dem Franz Müntefering sagt, er sei "meistens freundlich, tritt aber auch schon mal eine Tür ein, wenn's nötig ist".

Doch das war in Hamburg nicht nötig. Geduldig und gut gelaunt beantwortete er die Fragen zu seinem Buch "… und das ist auch gut so", die vor allen Dingen auf sein Privatleben zielten, von dem er gern viel preisgibt. Alles sehr nett und anrührend und brav beklatscht vom Publikum. Natürlich nutze er dieses Buch dazu, um Politik zu machen, bekräftigte Wowereit. "Wozu hätte ich es sonst schreiben sollen?" Seine Unterschichtenherkunft zeige, wie wichtig die soziale Durchlässigkeit an den Schulen sei, für die er sich einsetze. Und sein Sich-nach-oben-Arbeiten unterstreiche seine Forderung nach der Eigenverantwortung des Einzelnen. Man könne nur schaffen, was man auch wolle. Ganz in diesem Sinne betonte er, dass Berlins Situation zwar schwach, aber nicht aussichtslos sei. Große Chancen gebe es in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Technologie sowie in Dienstleistungen und der Touristik.

Keine Kanzlerambitionen

Viel Neues war nicht zu hören: Angela Merkel möge er als Person, nicht als Politikerin, Kurt Beck sei für ihn der richtige Mann am richtige Ort ("er hat Kanzlerkaliber!"), und er selbst habe keine Kanzlerambitionen, des Weiteren wisse er bis heute nicht, ob die Vorteile seines schwulen Outings die Nachteile überwögen ("meiner Glaubwürdigkeit hat es gutgetan"), aber insgesamt halte er sein Leben nicht im Speziellen für so spannend, dass es ein Buch rechtfertige. Er sehe sich vielmehr als Beispiel für eine Generation, in dem sich viele Leser an verschiedenen Stellen wiederfinden könnten.

Als Josef Joffe seinen Gast zitiert mit dem Satz: "Ich will nicht nett sein, um etwas zu erreichen – ich bin es", und fragte, was Wowereit neben Nettsein noch zu bieten habe, lächelte der Berliner: "Ich lasse mir meinen Optimismus nicht nehmen und meine positive Herangehensweise an meinen Job. Was ich von einer Verkäuferin erwarte, kann ich ja wohl auch von mir selbst erwarten." Ein netter Kerl, eben.

Nur einmal findet der nette Klaus klare Worte: Als es um Oskar Lafontaine geht, den er in dessen aktiver SPD-Zeit für ein wertvolles Bindeglied zwischen den Flügeln der Partei hielt, sagt er: "Das ändert aber nichts daran, dass er für mich heute ein Verräter ist."

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