Klaus Wowereit und seine Nachfolger : Na dann, viel Vergnügen...

... wünscht Klaus Wowereit den drei Kandidaten, die seine Nachfolger werden wollen. Es war eine verrückte Woche, in der der Regierende Bürgermeister von Berlin erst überraschend zurücktrat und dann Jan Stöß, Raed Saleh und Michael Müller erklärten: "Ich will es werden." Eine Rückschau.

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Wir sehen uns! Jan Stöß, Raed Saleh, Michael Müller - alle wollen Wowereits Nachfolger werden.
Wir sehen uns! Jan Stöß, Raed Saleh, Michael Müller - alle wollen Wowereits Nachfolger werden.Montage: Thomas Mika, Fotos: Davids/Darmer (3), dpa (3)

Als der Moment kommt, in dem sich noch einmal alles ändert, sitzt Raed Saleh in seinem Fraktionsvorsitzendenzimmer auf einem weißen Ledersofa, über ihm an der Wand ein Porträt Friedrich Eberts, des großen Sozialdemokraten, Vorsitzender der Partei, erster Reichspräsident der Weimarer Republik. Saleh wird ruhig. Es ist zu sehen: Er will sich nichts anmerken lassen.

Vor genau vierzehn Jahren, im August 2000, saß hier in diesem Büro, unter demselben Porträt, Klaus Wowereit, damals noch Fraktionsvorsitzender. Er wird ruhig. Es ist zu sehen: Er sucht eine Antwort, die keine sein darf. Die Frage lautet: Trauen Sie sich das Amt des Regierenden Bürgermeisters zu? Auf dem Tisch steht ein Tonband, das rote Licht leuchtet.

Die Koalition mit Diepgens CDU lief damals längst nicht mehr gut, die Zeit des Belauerns war angebrochen, auch in der SPD. Wowereit war wenig bekannt in der Stadt, und das mit mäßigen Werten. Jetzt kommt es darauf an, es noch nicht darauf ankommen zu lassen. Er setzt sich auf und sagt: „Die SPD nominiert ihren Spitzenkandidaten spätestens 2003. Es wird eine Person sein, die es mit jedem aufnehmen kann.“

Vierzehn Jahre später. Raed Saleh ist weiter, als Wowereit damals war. Er ist länger als dieser Fraktionsvorsitzender. Er ist bekannter. Er ist beliebter, als Wowereit es damals war. Er weiß genau, wann das Parlament einen neuen Regierenden Bürgermeister wählt, seit Klaus Wowereit vor 48 Stunden seinen Rückzug erklärte. Er weiß, dass es für den Kandidaten in der Koalition eine sichere Mehrheit gibt. Er hat schon gesagt: Ich möchte Regierender Bürgermeister werden. Er kennt seine Gegner. Er kennt seine Unterstützer. Da geht die Tür auf und eine Mitarbeiterin Salehs kommt herein. Sie reicht ihm ein Blatt, eine Nachricht. Es ist Donnerstagmittag, viertel vor zwei. Saleh schaut auf das Papier und wird ruhig. Dann setzt er sich auf. Es ist der Moment, in dem er versteht: Von jetzt an wird Hardball gespielt.

"Der beste Berlin-Botschafter" - Reaktionen auf Wowereits Rücktritt
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit tritt im Dezember von seinem Amt zurück. In unserer Bildergalerie zeigen wir Reaktionen von Politikern und anderen Prominenten . „Ich bin über seinen Rücktritt schon etwas traurig. Er hat sehr viel für die Stadt Berlin getan, gerade auf dem kreativen Sektor", sagt Modedesigner Michael Michalsky. Es ist aber sehr mutig und bewundernswert von ihm, selbst zu gehen. Er war es, der Berlin international attraktiv und hip gemacht hat. Berlin ist jung, trendy, dynamisch und offen. Die coolste Stadt, die einfach anders ist, als andere Städte – diese Message hat er in die Welt getragen. Gerade für die Modebranche hat Klaus Wowereit viel bedeutet. Ohne ihn gäbe es keine Fashion Week. Er hat schon meine allererste Show im Roten Rathaus supported, bevor es überhaupt eine Fashion Week in Berlin gab. Er hat verstanden, dass Fashion, Musik und Kunst Hand in Hand gehen und eine kreative Atmosphäre schaffen. Das ist für Start-ups und junge Unternehmen sehr interessant und anziehend.“Weitere Bilder anzeigen
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27.08.2014 13:17Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit tritt im Dezember von seinem Amt zurück. In unserer Bildergalerie zeigen wir...

Am Morgen war in den Berliner Zeitungen zu lesen, wer für Parteichef Jan Stöß ist, wer für Fraktionschef Raed Saleh. Heinz Buschkowsky ist für Saleh, das hat er noch am Vortag gesagt. Der Neuköllner Bürgermeister hält viel von dem jungen Sozialdemokraten aus Spandau. Sie teilen politische Positionen, sie waren gemeinsam in Rotterdam. Hier regiert Ahmed Aboutaleb, Muslim wie Saleh, Sohn arabischer Einwanderer wie Saleh, Anhänger einer „hinschauenden Integrationspolitik“ wie Saleh. Buschkowsky hält auch viel von Aboutaleb, einem Vorbild für Salehs Karriere. Auf dem Zettel, den Saleh soeben gereicht bekommt, steht: „Buschkowsky für Müller als Regierender Bürgermeister.“

Stöß und Saleh haben die Ämter unter sich aufgeteilt

Michael Müller. Stöß und Saleh hatten ihm beide Ämter genommen und unter sich aufgeteilt. Den ersten Schritt auf dem Weg nach ganz oben nahmen sie gemeinsam, um stärker zu sein. Wer den nächsten geht, wollten sie unter sich ausmachen. Doch plötzlich ist Müller wieder da, als Rächer seiner selbst. Sein größter Vorteil ist das schlechte Gewissen der SPD. Wie er vor zwei Jahren aus dem Amt gejagt wurde, hält heute mancher für beschämend. Auch Wowereit, dem er lange treu diente, ließ ihn damals fallen, als er merkte, dass es eng wird – und dass eigentlich er selbst gemeint war. Müller ist sein Blitzableiter, Stöß schlägt zerstörend ein.

Es ist Freitagabend, die SPD hat geladen zum Sommerfest. Gefeiert wird in Schöneberg nahe dem alten Gasometer, wo Günther Jauch seine Gäste empfängt. Da wollen sie rein, die drei Kandidaten. Jetzt aber stehen sie erst einmal davor, auf dem Euref-Campus. Alle sind ganz nett zueinander. Aber wer umarmt wen, wer umarmt herzlich, wer herzlichst? Wer gibt nur die Hand? Wer einen flüchtigen Wangenkuss? Bei seiner kurzen Rede hat Wowereit wieder auf der Kante zum Spott gewitzelt über das, was sich hinter ihm tut. Er dankt jenen „für die Enttäuschung“, die enttäuscht waren von seinem Rückzug, und er wünscht jenen, die sich jetzt aufreiben werden um ihm nachfolgen zu können, maliziös dabei „viel Vergnügen“. Saleh hat das nicht gehört; er kommt etwas später, mit seiner Frau, ein Problem mit dem Babysitter ist dazwischengekommen.

Drei Kandidaten. Aber, so Wowereit, „leider kein geborener Nachfolger“ – als wäre das Amt ein monarchisches Erbe. Eine Vorstellung, die so absurd ist wie der Vorwurf, König Wowereit habe versäumt, seinen politischen Mörder liebevoll großzuziehen aus dem Genpool der Berliner Sozialdemokratie. Drei Kandidaten. Aber keiner geeignet? Zwei davon überhaupt nicht? Das ist Talk of the Town, das sagt jetzt jeder: die kennt ja keiner, die können doch nichts, die sind doch niemand.

Wolfgang Thierse hat schon Stunden nach der Rückzugserklärung von Wowereit seine Partei aufgefordert, auch über den „landespolitischen Tellerrand“ hinaus zu suchen, dort gebe es „eine Menge guter Politiker“. Auch im Schwabenland, wo sie Weckle sagen? Thierse nennt keinen, es meldet sich keiner. Riesengroß wird Wowereit wieder aufgeblasen, um dem Bild von den Zwergen, die sich da duellieren, die dritte Dimension zu verleihen. Heraus kommt eine Illusion: die vom Bürgermeister aus dem Konfigurator, fertig zusammengeschraubt lieferbar bis zum 11. Dezember.

Mal Kämpfer, mal Komiker: Klaus Wowereit in Bildern
Ein Herzchen zum Abschied. Klaus Wowereit bekam vom Lesben- und Schwulenverband ein praktisches Geschenk zum Abschied.Weitere Bilder anzeigen
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11.12.2014 08:46Ein Herzchen zum Abschied. Klaus Wowereit bekam vom Lesben- und Schwulenverband ein praktisches Geschenk zum Abschied.

Gibt es eigentlich die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen noch in Berlin? Ja, es gibt sie, ihre Vorsitzende heißt Eva Högl. Die Website wirkt hochaktuell, der letzte Eintrag ist vom vergangenen Donnerstag, dem Tag, als der dritte Mann seine Hand hebt. Am Montag ist Annahmeschluss. Kommt da noch was? Es sieht nicht so aus. Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Integration und, ja: Frauen – hat den Kopf eingezogen; sie wird schon wissen, warum. Eva Högl, lange als mögliche Kandidatin genannt, hat schon vor Wochen abgesagt, mit beiden Händen erschrocken abwehrend wedelnd. Am Freitag beim Sommerfest wirkt sie nicht wie in Feierlaune, das Thema behagt ihr nicht. Sie sei jetzt nun mal im Bundestag, und „Ebenen-Hopping“ ist nicht so ihr Ding. Zur Kandidatenlage von ihr sonst kein Wort. Lieber unterhält sie sich nett mit Bettina Jarasch, eine der Parteivorsitzenden der Berliner Grünen, von der Wowereit im Parlament mal süffisant sagte, ihm fiele gerade ihr Name nicht ein. Rot-Grün war von Wowereit als Option zu Tode gedemütigt worden. Ohne ihn kommt sie als Zombie zurück: nicht schön, nicht real, nicht zur Zeit.

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