Berlin : Kleb dir eine Pappen-Stil

Neuartige Folien verschönern Möbel Pappmöbel mögen zwar weder Wasser noch Feuer, aber sie sind dennoch stabil und haltbar

Dirk Engelhardt

Es gibt Möbel, die waren vielleicht mal teuer, haben ihre besten Zeiten aber hinter sich. Und es gibt Möbel, die sind zwar preiswert, sehen aber alle gleich aus. Für diese wie jene bietet das Team von „DeinDesign“ die perfekte Lösung an. „Vor eineinhalb Jahren haben wir zu dritt die Firma gegründet“, erzählt Victoria Chirita, die für den Verkauf zuständig ist. „Einer von uns hatte das Kalenderblatt eines Künstlers auf sein Laptop geklebt – und das sah einfach gut aus.“ So entstand die Idee, Folien zu entwerfen, mit denen man elektronischen Geräten wie Mobiltelefonen oder Laptops eine individuelle Note geben kann. Ein halbes Jahr wurde darauf verwandt, die richtige Folie zu finden. „Dabei sind auch einige Geräte draufgegangen, weil der Klebstoff eine Liaison mit dem Untergrund eingegangen ist“, bekennt Chirita. Jetzt hat man eine Folie gefunden, die eine sehr feine Wabenstruktur besitzt, wodurch sie sich fast völlig blasenfrei aufbringen lässt.

Auf der Internationalen Möbelmesse in Köln hat „DeinDesign“ nun erstmals auch den Tisch eines bekannten schwedischen Möbelhauses mit Folien veredelt. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind unbegrenzt: Es gibt jede Menge Mustervorlagen, Streetart, Graffiti und ähnliches. Man kann jedoch auch seine eigenen Werke verwenden. Auch Blechcontainer lassen sich nach persönlichen Vorlieben verschönern – eben Dein Design. Die Muster finden sich im Internet (www.dein-design.com). Dort sieht man auch gleich, wie Tisch oder Telefon im gewünschten Layout wirken. Weitere Produkte werden gewiss folgen. Und wenn man das Design nicht mehr sehen kann? Die Folie soll sieben Jahre halten, sich aber auch vorher jederzeit rückstandsfrei abziehen lassen. R.B.

Um eines gleich klarzustellen: „Pappmöbel sind keine Ersatzmöbel, und mit einer wie auch immer gearteten Bananenkisten-Kultur haben sie rein gar nichts zu tun“. Das sagt Rudolf Behrens, der eine kleine, aber feine Palette von Pappmöbeln vertreibt. Da wäre der Paravent in Form eines chinesischen Schmetterlings, das mannshohe Regal „Marseille“ mit vier Böden, der Esstisch „Cannes“, auch als Schreibtisch zu benutzen, sowie der Tisch „Nizza“. „Pappmöbel sind zum einen Möbel, zum anderen Dekoration und Kunstwerk“, beschreibt es Behrens. Er selber schlafe seit neun Jahren wohlig auf einem Pappbett, und sitzt ebenso lange schon auf Papphockern. „Nicht, dass wir uns nichts anderes leisten könnten“, versucht er sich dabei ins rechte Licht zu rücken. Aber seine drei, vier und acht Jahre alten Kinder würden ebenso wie der Papa auf die unverwüstlichen Pappmöbel abfahren.

Angst davor, dass ein Pappbett bei lustvollen Spielchen im Bett nachgibt oder gar einknickt, braucht niemand zu haben: das Pappbett der Berliner Herstellers Stange Design wurde im Gewichtstest mit einer Tonne (!) Belastung getestet und gab dabei keinen Millimeter nach.

Ein Quadratmeter Pappe, vier Zentimeter dünn, kann ganze fünf Menschen tragen – soviel wie ein durchschnittlicher Fahrstuhl. Dabei wiegt solch eine Platte gerade mal ein Kilogramm. Dass derartige Leichtgewichte Schwerstarbeit leisten können, haben Amerikaner ausgetüftelt.

Die Erfindung der Wellpappe geht auf den Amerikaner Albert L. Jones zurück, der sich im Jahr 1871 – Preußen befand sich gerade im deutsch-französischen Krieg unter Otto von Bismarck – ein Patent für seine Idee, Papierbahnen zu riffeln, eintragen ließ. Damit erhielten die Papierbahnen wesentlich größere Festigkeit und konnten so als stabile Verpackung eingesetzt werden. In den 20er und 30er Jahren entwarf der amerikanische Designer Lloyd Loom ganze Möbelkollektionen aus Pappe – vom Kinderwagen bis zur Wäschebox, vom Schreibtisch bis zur kompletten Sitzgarnitur. Pappmöbel faszinierten sogar Popstars: bereits im Jahr 1967 testete Sänger Roy Black für das Jugendmagazin „Bravo“ Pappmöbel. „Pappe hält, was sie verspricht“, war die Überschrift des dreiseitigen Artikels.

Bei den Pappmöbeln wird für die gewellten Innenbahnen bräunliches Altpapier verwendet. Die aufgeklebte äußere Schicht besteht aus neuem, gefärbtem Papier, welches längere Haltbarkeit garantiert. Als Kleber wird Stärkeleim aus Mais oder Kartoffeln verwendet. Pappmöbel sind also durch und durch ökologisch korrekt. Man sollte bei den Pappmöbeln allerdings beachten, dass sie ein Holzprodukt sind und hydrostatisch reagieren, das heißt, sie nehmen Feuchtigkeit aus der Luft auf. Dauerhaft feuchte Keller sind deshalb kein geeigneter Ort zum Aufbewahren von Pappmöbeln. In der Küche können sie jedoch ohne weiteres aufgestellt werden, wenn sie vor Spritzwasser geschützt werden.

Die Lebensdauer von Pappmöbeln hängt natürlich stark von deren Beanspruchung ab. Nach Kundenberichten können Pappmöbel gut und gerne zehn Jahre überdauern. Das Material ist in der Regel nicht feuerschutzbehandelt und entspricht keiner Brandschutzklasse. Es ist ähnlich leicht entzündlich wie dünne Holzplatten. Trotzdem lässt sich nur eine kleine Kundengruppe von den Möbeln begeistern, obwohl sie doch eigentlich für häufig umziehende Zeitgenossen ideal sind.

Allerdings sind Pappmöbel nicht ganz einfach zu finden: der größte Hersteller, Stange Design aus Berlin, verkauft die Möbel nur direkt ab der Produktionsstätte in Berlin oder via Internet.

Da warten antike Pappsäulen mit dorischen Kapitellen, die als „Blumenständer, Deko oder Eyecatcher“ zu verwenden sind, auf Käufer. Außerdem im Angebot: das Schaf aus Pappe, dem man ausgelesene Zeitschriften zwischen die Rippen klemmen kann, und der „Tate“ Bilderrahmen. Durch versetzte Pappstreifen ist das Innenleben der Wellpappe sichtbar und sorgt so gleichzeitig für eine interessante Haptik. Das „Mini-Halbei“ aus Pappe verfügt über zwölf neongelb bemalte Schublädchen, „für die kleinen Dinge des Lebens“.

Natürlich eignet sich Pappe auch für Systemelemente. Aus quadratischen Pappelementen können ganze Regalwände individuell gestaltet werden und beispielsweise als Raumteiler eingesetzt werden. Selbst große Fernseher halten die Elemente ohne weiteres aus. Fertigregale bis zu 2.10 Meter Höhe sind so bemessen, dass sie Pappschachteln passgenau aufnehmen und so zum Beispiel in Nebenräumen platzsparend Ordnung schaffen. Auch als Wäscheboxen oder als Stehpult sind die Schubladenregale konzipiert. Alle Pappmöbel werden in vorgestanzten Einzelteilen per Paket verschickt. Zuhause muss man die Elemente falten und richtig zusammenstecken, für die Stabilität hilft etwas Ponal.

In Japan ist man in Sachen Papp-Design weiter: der Architekt Shigeru Ban konstruiert dort ganze postmoderne Wohnanlagen aus Pappe. Und der verschobene Ruhesessel aus Pappe, den der amerikanische Stararchitekt Frank O. Gehry im Jahr 1969 entwarf, ist heute ein beliebtes Designobjekt, das zum draufsitzen eigentlich fast zu schade ist.

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