Berlin : Kleben und kleben lassen

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Von Moritz Schuller

Diese Szene spielt sich in einer Kreuzberger Kneipe ab, aber sie findet zur gleichen Zeit auch an vielen anderen Orten der Stadt statt: Der Barman sagt, der da drüben sammelt. Patrick geht hin. Ihr sammelt, fragt der Fremde? Dann hol’ ich schnell mein Album. „Als er wiederkam, haben wir ihm zweimal die 224 gegeben, einmal für ihn und einmal für seinen Arbeitskollegen“, sagt Patrick Giese von der Montagsrunde. Die 224 ist das Wappen des Fußballverbands von Costa Rica, und in diesen Tagen gibt es nur einen Ort, wo dieses Wappen hingehört:auf die Seite 26 des Fifa World Cup Albums von Panini, links in der Mitte. Gnade Gott dem Sammler, der dort noch eine Lücke hat.

Panini. Für eine ganze Generation schmeckt das Wort nach Prousts Madeleine. Panini bedeutet die Erinnerung an den Moment, als Mario Kempes, teuer ertauscht, endlich im vorgeschriebenen Feld klebte. Patrick Giese gehört zur dieser ersten Generation:1974 erschien die Panini-Sticker-Kollektion zum ersten Mal in Deutschland. Die Alben des italienischen Unternehmens gaben der jugendlichen Unordnung einen Rahmen und heute, da Erinnerung Retrokult bedeutet, ist auch Paninis aktuelles Sammelalbum zur diesjährigen WM absoluter Kult.

Die Montagsrunde trifft sich einmal in der Woche in der Kreuzberger Kneipe, zum Tauschen. Eine Gruppe von rund 20 Männern um, nein, über 30. Zwei kennt Giese noch aus der Grundschule in Spandau. Damals haben sie die Bundesligasaison 76/77 gesammelt, da waren noch ganze Spielszenen auf den Klebebildern abgebildet. Seit April dieses Jahres, mit dem Erscheinen des Albums zur WM in Japan und Korea, sammeln sie wieder. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren, und alle für ein Album. „Jeder bringt so viel mit, wie er will, der eine zwei Tüten, andere auch mal 15 Tüten“, sagt Giese. Nun fehlen ihnen nur noch 17 Bilder. 11 davon sind Iren.

Immer wieder hätten sie die Tüten aufgerissen, ohne je ein Bild der irischen Mannschaft zu finden, erzählt Finn Maerklin. Auch er ist um, naja, über 30, und auch er sammelt mit seinen Freunden zum ersten Mal wieder. Jeder für sich, getauscht wurde nach strengen Regeln im Uhrzeigersinn. Auch hier hat noch keiner das Heft voll und so kurz vor Schluss, die WM läuft ja schon, verliert man auch die Lust. „Wenn es eng wird, ist es wie Lotto spielen“, sagt Finn. Auch ihm fehlen noch die Iren.

Die Tüte mit sechs Bildern kostet bei Zeitungshändler 50 Cents. „Das finde ich ganz schön stramm", meint Finn. Insgesamt hat er sich die Bilder rund 55 Euro kosten lassen, Gieses Truppe hat zusammen etwa 100 Euro ausgegeben, und damit sitzen sie nun auf 400 doppelten Fußballerbildchen, die sie im Internet zum Tausch anbieten. „Ich kann mich ja schlecht auf einen Schulhof stellen“, sagt Patrick Giese. Das sei ja auch keine Sache für Fünfjährige, meint er, sondern etwas für gestandene Männer. Dass zur Zeit auch mehreren Schokoladenriegel ein Klebebild beigelegt ist, lässt den Panini-Liebhaber kalt. Duplo-Bilder, sagt Finn, sind Mist. „Man muss nicht nur acht Tonnen Schokolade dafür essen, es ist auch nicht so kultig."

1945 eröffneten die Brüder Panini einen Zeitungsstand in Modena; 1961 brachten sie in Italien das erste Sticker-Album auf den Markt. Inzwischen ist die Firma „weltweiter Marktführer im Bereich Klebebilder“. Panini hat aber auch ein Monopol auf die Erinnerung, und so wird ein gut erhaltenes Album von 1980 beim Internet-Auktionshaus Ebay heute für Summen zwischen 30 und 40 Euro angeboten, erzählt Giese.

Sogar das Satiremagazin Titanic zollt diesem Titanen der Fußballleidenschaft Tribut: in seiner aktuellen Ausgabe legt das Magazin täuschend echte Panini-Bilder der deutschen Mannschaft bei: jeder Spieler in der Pose des Verlierers.

Patrick Giese konnte darüber sogar lachen.

Und doch ist die Gegenwart nie so süß wie die Vergangenheit: früher waren die Abziehbilder auf Pappen gezogen, richtig dick war damals ein Stoß Doppelter. Und auch die Mannschaften sind nicht mehr ganz aktuell: Die Bildnummer 325 hat Sebastian Deisler und auf ein Klebebild von Ricken oder Frings kann man lange warten. Früher, sagt Giese, waren die Alben einfach „mit mehr Liebe gemacht“.

Wenigstens die Iren hat Panini nun nachgeliefert, die fehlten anfangs einfach, ohne Erklärung. Doch umsonst, wie es die Firma im Internet versprochen hatte, gibt’s die Bilder dann doch nicht.

Die Kreuzberger Montagsrunde veranstaltet neben der Panini-Sammelaktion auch noch eine Tipprunde zur Weltmeisterschaft:Die ersten fünf teilen sich den Jackpot von 230 Euro, der Verlierer bekommt das volle Album. Und nun wollen alle Letzter werden.

Weiteres im Internet unter:

www.panini.de. ;Eine Tauschbörse gibt es unter www.sammlernet.de oder www.sticker-tausch.de . Versteigerungen laufen unter www.ebay.de

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