Berlin : Kleeallee? Clayallee!

Lucius D. Clay war der Vater der Luftbrücke. Jetzt erhielt seine Residenz in Dahlem eine Gedenktafel

Andreas Conrad

Am Abend, bevor Kennedy kam, hing über der Clayallee in Zehlendorf plötzlich ein weißes Spruchband: „Clay for President.“ Ein unbekannter Berliner wollte auf diese Weise seine Verehrung für den ehemaligen US-Militärgouverneur und „Vater der Luftbrücke“, Lucius D. Clay, kundtun, auf etwas heikle Art: Genau diese Stelle würde der Präsident am 26. Juni 1963 passieren, begleitet von dem Mann, der hier bereits zu seinem potenziellen Nachfolger geadelt wurde.

Aus der politischen Karriere wurde nichts, Clay hat es nie versucht. Gleichwohl zeigt der Vorfall, welche langanhaltende Popularität er in Berlin besaß. Niemandem in West-Berlin musste man damals erklären, dass die „Kleeallee“, wie Einheimische den Namen der Straße meist aussprechen, keineswegs nach einer Pflanze benannt wurde. Heute dagegen geraten die Helden des Kalten Krieges langsam in Vergessenheit, und eine kleine Feier, wie gestern Vormittag vor dem Haus Im Dol 46-48 in Dahlem, tut not: An der Gartenmauer des Gebäudes, heute Residenz des Botschafters von Marokko, erinnert eine „Berliner Gedenktafel“ künftig daran, dass hier von September 1945 bis Mai 1949 Lucius D. Clay wohnte.

Im Sommer 1945 war er als stellvertretender US-Militärgouverneur in die Stadt gekommen, bezog mit anderen Offizieren ein Haus am Wannsee. Im Herbst wechselte er in das 1914/15 gebaute, schon durch die Sowjets requirierte Landhaus. Im April 1946 folgte seine Frau Marjorie. Das Haus wurde zum Treffpunkt für die gesellschaftliche Elite nicht nur Berlins. Offizielle Besucher kamen dort selten unter, dafür war es zu klein. Nur von einem 14-tägigen Aufenthalt General Eisenhowers und seiner Frau sowie einem Besuch Eleanor Roosevelts, Witwe des früheren Präsidenten, wird berichtet. Clay und seine Frau baten aber oft Gäste zum Abendessen, durchaus mit politischem Hintersinn. So brachte er einmal John Foster Dulles, damals außenpolitischer Sprecher der Republikaner und Gegner der Luftbrücke, mit Oberbürgermeister Ernst Reuter zusammen, den er beim Nachtisch ermunterte: „Überzeugen Sie ihn.“

Das Haus Im Dol wurde für Clay privater Rückzugsort wie auch Nebenbühne für seine Rolle als einer der Protagonisten des Kalten Krieges. Am 15. März 1947 war er zum Militärgouverneur der amerikanischen Zone und Oberkommandierenden der US-Landstreitkräfte in Europa befördert worden. Seine Bewährungsprobe aber begann am 24. Juni 1948 mit der Blockade West-Berlins und der von Clay organisierten Luftbrücke, über die die Stadt bis zum Ende der Blockade am 12. Mai 1949 am Leben erhalten wurde.

Sein Amt als Militärgouverneur gab Clay unmittelbar danach auf und schied aus der Armee aus. Eine halbe Million Berliner säumten die Straßen, als er am 15. Mai 1949 zum letzten Mal von Dahlem zum Flughafen Tempelhof fuhr. Deutschland und Berlin blieb er auch weiter ein Freund. Am 24. Oktober 1950 brachte er die „Freiheitsglocke“ ins Rathaus Schöneberg, einen durch Spenden ermöglichten Nachguss der „Liberty Bell“ von Philadelphia. Und am 19. August 1961 begleitete er US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson nach West-Berlin – Ermutigung für die kurz zuvor eingemauerte Stadt. Kennedy ernannte Clay zu seinem persönlichen Gesandten für Berlin.

Damals hieß die Kronprinzenallee schon lange Clayallee, die einzige Straße in Berlin, die – am 16. Juni 1949 – nach einem Lebenden benannt wurde. Später erhielt auch das heute weitgehend ungenutzte US-Hauptquartier seinen Namen. An Clay erinnert eine Plakette am Flughafen Tempelhof ebenso wie sein Porträt in der Galerie der Ehrenbürger im Abgeordnetenhaus und der Name der Clay-Gesamtschule in Rudow. Und nun gibt es auch noch die Gedenktafel Im Dol. Das Alliiertenmuseum in der Clayallee mit seinem Leiter Helmut Trotnow hatte sich dafür eingesetzt und beim marokkanischen Botschafter Rachad Bouhlal Unterstützung gefunden. Das Haus war schon 1954 den Eigentümern zurückgegeben worden, 1995 war es zum Verkauf angeboten und vom Königreich Marokko erworben worden. Das Alliiertenmuseum hatte für die Gäste der Enthüllungsfeier eine kleine Fotoausstellung erstellt und eine Broschüre drucken lassen. Darin wird auch aufgeklärt, wieso auf der Tafel als Geburtsjahr 1898, während in Nachschlagewerken oft 1897 steht. Das hatte Clay zu verantworten: Um in der Militärakademie West Point aufgenommen zu werden, hatte er sich ein Jahr älter gemacht.

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