Berlin : Kleider machen Schüler

Schuluniformen sind umstritten: Die einen erhoffen eine bessere Integration vom Einheitslook. Die anderen halten die Pläne für hilflosen Aktionismus

Annette Kögel

Mitunter inspiriert ein Blick in andere Bundesländer. Etwa nach Hamburg, wo die Schüler der Haupt- und Realschule Sinstorf seit sechs Jahren Schulkleidung tragen. „Wir bekommen von der Hamburger Schulbehörde die verhaltensauffälligen, oft ausländischen Schüler zugewiesen, weil sie bei uns mit ihrer Kleidung ihr Gehabe ablegen, sich besser integrieren und weniger kriminell werden“, sagt Schulleiter Klaus Damian. Er gehört wie viele Bildungsexperten und Wissenschaftler zu den Befürwortern einer einheitlichen Kluft, wie sie Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) fordert. Schuluniformen ändern da nur was an der Oberfläche, stärken die Gleichmacherei und werden nicht verhindern, das Mädchen mit Kopftuch in die Klasse gehen, halten Kritiker wie der Philologenverband und Berlins Landesschülersprecher dagegen.

Vor den Toren Berlins hat sich die Max-Dortu-Grundschule in Potsdam vor vier Monaten aus einer Elterninitiative heraus für eine legere Schulkollektion entschieden. Die Erstklässler tragen sie verbindlich, von den Älteren haben sich 80 Prozent freiwillig mit Shirts, Basecaps und Jacken mit dem Logo eingedeckt. „Unsere Schüler aus Angola, Pakistan, dem Irak, der Türkei und Vietnam tragen die Sachen mit Stolz und teils noch häufiger als die deutschen Schüler“, sagt Schulleiterin Gudrun Wurzler. Gemeinschaftskleidung ist wie im Sport oder bei der Polizei ein Mittel, gemeinsam aufzutreten und sich mehr mit Klasse und Mitschülern zu identifizieren, fand Oliver Dickhäuser, Professor für Pädagogische Psychologie, aus Nürnberg heraus – er hat die Sinstorfer mit einer „normalen“ Schule verglichen. „Es gibt in den Sinstorfer Klassen ein besseres Sozialklima, die Schüler fühlen sich sicherer und zugehörig, für sie werden Äußerlichkeiten unwichtiger.“

„So ein Quatsch. Wenn Jugendliche Schulkleidung tragen, werden sie versuchen, sich über Handys, Schmuck und Schuhe hervorzutun“, hält Berlins Landesschülersprecher Jan Hambura dagegen. „Einheitliche Kleidung wird die großen Probleme nicht ändern“, sagt der 18-Jährige. „Es ist völlig unrealistisch zu glauben, mit Schuluniformen ließen sich Integrationsprobleme lösen oder Markenfetischismus bekämpfen“, ist auch Heinz-Peter Meidinger überzeugt, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Meidinger meint aber, Lehrer sollten mehr darauf achten, dass Schüler ordentlich gekleidet erscheinen – „und nicht im Schlabberlook und mit bauchfreien Tops“. Eine berlinweite Verordnung zur Schulkleidung werde es nicht geben, sagte Kenneth Frisse, Sprecher von Senator Klaus Böger (SPD). „Das kann nur dann klappen, wenn alle am Schulleben Beteiligten das auf freiwilliger Basis beschließen.“

So wie die Schüler der 10c der Heinrich-Ferdinand-Eckert-Hauptschule, die sich vor fünf Jahren an einem Modellversuch des Tagesspiegels zu Schulkleidung beteiligten. „Einigen von uns war das zwar zu öde, immer das Gleiche anzuhaben“, sagen die damaligen Zehntklässler Maria Neumann und Maik Gregor heute. „Aber man hat mehr den Menschen gesehen.“ Dass ihr Versuch vermutlich bald von anderen Schulen übernommen wird, finden sie nicht schlecht. „Gerade unter Ausländern würden sie sich nicht mehr so wegen der Klamotten fertigmachen.“

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