Kleiderordnung : In der Oper auf den großen Hut verzichten

"Immer wieder sonntags" fragen Sie Elisabeth Binder um Rat. Sie antwortet in dieser Kolumne. Diesmal: Darf man die ältere Dame vor sich in der Oper darum bittet, ihren Hut abzunehmen, wenn dieser einem die Sicht versperrt?

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Beim Pferderennen würden diese Damen punkten - in der Oper eher nicht.
Beim Pferderennen würden diese Damen punkten - in der Oper eher nicht.Foto: dpa / picture alliance

In der letzten Woche war ich in der Deutschen Oper und habe mir mit meiner Frau für viel Geld gute Plätze gegönnt. Das ersehnte Vergnügen wurde jedoch durch eine ältere Dame, die direkt vor mir saß, eingeschränkt. Sie hatte nämlich einen Hut auf, mit dem sie auf jedem Pferderennen Aufsehen erregt hätte. Nur nicht bei mir, denn meine Sicht war erheblich eingeschränkt. Ich habe es allerdings nicht gewagt, sie anzusprechen, geschweige denn, sie um Abhilfe zu bitten. Hätte ich mich anders verhalten sollen?

Die Achtung vor älteren Damen ehrt Sie. Aber in diesem Fall wäre es kein Fehler gewesen, die Frau in der Pause oder zwischen zwei Akten darauf anzusprechen. Vermutlich war sie so stolz auf ihren schicken Hut, dass der Gedanke, sie könne einem anderen Zuschauer dadurch den Operngenuss vermiesen, ihr gar nicht kam. Es ist kein direkter Regelverstoß, in der Oper oder im Theater, im Konzert oder Kino einen Hut zu tragen. Allerdings sollte man sich, wenn man es denn nicht ganz lassen will, für das kleinste Modell entscheiden, das der Kleiderschrank hergibt. Die Gefahr, anderen unnötig die freie Sicht zu rauben, besteht ja definitiv. Wer dazu neigt, so etwas zu vergessen, sollte sich eine schriftliche Erinnerung an diesen Umstand, ähnlich einem Warnhinweis auf dem Beipackzettel einer Arznei, am oder im Hut befestigen.

Es gibt genügend Anlässe, bei denen man mit Hüten prunken kann. Das Pferderennen haben Sie bereits erwähnt, aber auch eine Hochzeit zählt dazu. Damen, die gerne Hut zeigen, können sich zudem regelmäßig in Cafés verabreden. Bei richtigen Mahlzeiten in geschlossenen Räumen können Sie sich sicher fühlen, die werden hutfrei eingenommen.

In mediterranen Ländern ist es üblich, dass Frauen beim Betreten einer Kirche den Kopf bedecken. Hier ersetzt der Hut das meist gebräuchliche Tuch. Aber auch hier gilt, dass ein Tuch bessere Dienste tut, wenn man Gefahr läuft, anderen während eines Gottesdienstes die Sicht zu rauben. Zwar kann man den Hut als Schmuckstück betrachten, aber auch in dieser Funktion verliert er seinen Glanz, wenn er zur Sichtbehinderung mutiert.

Fragen an Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin. Oder: meinefrage@tagesspiegel.de

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