Kleidungseinkauf : Korrekt gekleidet

Slow Fashion statt Fast Fashion: Wer mit gutem Gewissen was zum Anziehen kaufen will, wird in Berlin schnell fündig. Ein paar Tipps.

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Bunte Auswahl. In den Geschäften Berlins kann eigentlich jeder fündig werden – ob bei großen Ketten oder kleineren Labels. Am heutigen Donnerstag öffnet eine zweite Filiale des Textildiscounters Primark.
Bunte Auswahl. In den Geschäften Berlins kann eigentlich jeder fündig werden – ob bei großen Ketten oder kleineren Labels. Am...Foto: imago

Berliner Mode-Aficionados haben einen vollen Terminkalender dieser Tage: Fürs kleine Budget eröffnet am Donnerstag die zweite Filiale der Textildiscountkette Primark am Alexanderplatz, die zuletzt mit Anschuldigungen zu unfairen Produktionsbedingungen Schlagzeilen machte. Für den dickeren Geldbeutel werden nächste Woche die neuesten Ideen bei der Fashion Week über den Laufsteg getragen.

Doch ob das Oberteil nun fünf oder fünfhundert Euro kostet – die Modewelt schläft nie, eine Kollektion folgt auf die andere, was heute hip ist, vermottet morgen im Schrank. Gegen diesen schnellen Rhythmus der "fast Fashion", die meist zulasten der Arbeiter und der Umweltressourcen in Drittweltländern geht, richtet sich die „slow Fashion“-Bewegung. Hier stellen wir einige Alternativen zum Gang ins Kaufhaus vor.

Die Erweiterin

Die Kleidungsstücke, die Elisabeth Prantner unter die Hände bekommt, erzählen Geschichten. Da sind die drei Blusen der verstorbenen Frau, die sich der Witwer zu einem Hemd zusammennähen lässt. Da ist die Strickjacke, die fast aus mehr Mottenlöchern als Stoff besteht und die mit viel Zeit, Handfertigkeit und einem farbigen EKG-Wellenmuster zum schicken Einzelstück wird. Und es muss nicht immer Kleidung sein: Die abgetragenen Jeans

Elisabeth Prantner
Elisabeth PrantnerFoto: Nantke Garrelts

beweisen ihre Belastbarkeit auch im geflochtenen Verbund mit alten Sitzgurten, die nun als Bespannung eines Liegestuhls dienen. Prantner ist eigentlich Änderungsschneiderin, aber sie spricht lieber von „updaten“ oder „erweitern“. Seit einem Jahr hat sie ihr Änderungsatelier „Bis es mir vom Leibe fällt“ in Schöneberg und fühlt sich hier mittlerweile wohler als in ihrer ersten Filiale in den Hackeschen Höfen. „Dort sind es eher Businesssklaven, hier haben die Leute noch Zeit.“ Und Geld, denn Prantner muss für ihre mühevollen Einzelarbeiten auch dementsprechende Preise verlangen, um Löhne und Mieten abdecken zu können. Doch der Laden läuft: Ständig kommen Kunden herein, von der Bademantelausbesserung bis zum edlen Hosenanzug ist alles dabei. Die Liebe der Kunden zu ihrer Kleidung gibt Prantner Hoffnung: „Das Verändern und Erweitern von Lieblingsstücken funktioniert gut, da sehe ich Zukunft.“

Bis es mir vom Leib fällt, Hackesche Höfe, Mitte, Hof 4 & Frankenstraße 1, Schöneberg, Tel. 282 90 61

Amy Herzsprung
Amy HerzsprungFoto: privat

Die Tauscherin

Amy Herzstark kreiselt leidenschaftlich gerne. Keine Brumm- oder Holzkreisel, sondern Kleidungsstücke setzt sie in Bewegung. Seit vier Jahren ist sie auf der Onlineplattform „Kleiderkreisel“ aktiv, zwei Mal die Woche geht sie zur Post und versendet Kleidung, die andere bei ihr gekauft oder gegen eigene Kleidung getauscht haben. Mindestens ebenso oft empfängt sie neue Kleidung von anderen Tauschern aus ganz Deutschland.

Das Prinzip ist einfach: Will die 26-Jährige ein Kleidungsstück loswerden, fotografiert sie es und lädt es samt einer Beschreibung und eines Schätzwerts auf die Webseite. Wenn jemand mit ihr tauschen möchte, schaut sie nach, ob der potenzielle Tauschpartner Kleidung im Angebot hat, die sie interessiert und die etwa dem Wert des betreffenden Kleidungsstücks entspricht. „Man kann auch einfach kaufen oder verkaufen, aber mir macht vor allem das Tauschen Spaß.“ Neben Schnäppchensinn und Onlineaffinität spielt bei ihr auch ein gewisser Hang zur Rebellion eine Rolle. „Ich will kein Klon sein und einfach zu der Masse gehören, die stumpf konsumiert.“ Mode werde ohnehin erst nach ein paar Jahren interessant, wenn nicht mehr jeder damit herumlaufe. Prototypen von Designern oder ein Hochzeitskleid von einer geplatzten Hochzeit hängen bei ihr an den Bügeln. „Das sind meine Schätze.“

Informationen im Netz unter: www.kleiderkreisel.de

Melchior Moss
Melchior MossFoto: Nantke Garrelts

Der nachhaltig Schicke

Das hätte Melchior Moss sich nicht vorgestellt, als er vor gut acht Jahren mit seiner Schwester Felicia das Modelabel „Slowmo“ gründete. Mehrere Designpreise haben die klassisch geschnittenen Kollektionen bekommen, und neben dem Atelier an der Kopernikusstraße hat das Unternehmen mittlerweile seinen eigenen Laden. Der Anfang war schwer, aber spannend: „Wir haben mit einer Näherei in Tempelhof gearbeitet, da waren wir jeden Tag, die waren fast wie unsere Eltern“, erinnert er sich. Inzwischen lässt Slowmo seine entspannte Mode auch in Sachsen und Thüringen nähen – zu spezialisiert und reduziert ist die deutsche Textilindustrie mittlerweile. Neben Bio- und Fairtrade-Zertifikaten ist „Made in Germany“ das wichtigste Kriterium für die Produktion. „Nicht, dass wir Patrioten sind – es geht darum, dass wir eine Sprache sprechen und aktiv gemeinsam Dinge verändern können.“ Kommunikation ist ihm wichtig, auch mit den Händlern und den Kunden. Dort bemerkt er einen Bewusstseinswandel: „Als wir anfingen, mussten wir noch viel mehr erklären“, erinnert er sich. Nur die Preise, 139 Euro für eine Hose, muss er immer noch erklären. Bei seinem Label schlügen sich reale Arbeits- und Umweltkosten im Endprodukt nieder. „Der Kunde soll wieder einen Wert im Kleidungsstück erkennen.“

Slowmo, Libauer Straße 16, Friedrichshain, www.slowmo-shop.eu

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