Berlin : Kleine Gasse, große Wirkung

Der Goldene Löwe für Katja Riemann macht nicht nur den erfolgreichen Widerstand gegen die Nazis bekannt, sondern auch die Rosenstraße

Christian van Lessen

Die Straße war gestern belebter als sonst am Sonntag. An der Litfaßsäule vor dem Hotel „Alexander Plaza“ versammelten sich auffallend viele Passanten. Mit Fotos und Texten dokumentiert ist die fast unglaubliche Geschichte von gelungenem Widerstand in der Nazi-Zeit. Die Nachricht, dass Katja Riemann in Venedig für ihre Rolle im Film „Rosenstraße“ einen Preis erhielt, hat nicht nur der Schauspielerin, auch der Rosenstraße in Mitte einen Bekanntheitsschub versetzt. Am Sonntag pilgerten Hunderte dorthin, in die Sackgasse an der Karl-Liebknecht-Straße, nur ein paar Schritte vom Hackeschen Markt entfernt.

Barbara Suppelna und ihre Bekannte Helgard Lohmann kamen aus Wilmersdorf, um die Straße kennen zu lernen, in der hunderte von Frauen im Februar 1943 gegen die Inhaftierung ihrer jüdischen Ehemänner protestierten. Die Frauen so genannter Mischehen standen in klirrender Kälte vor dem alten Gebäude der jüdischen Sozialverwaltung, wo die Gestapo die Inhaftierten eingepfercht hatte, riefen die Namen ihrer Männer, forderten die Freilassung. Die Nazis trauten sich nicht, mit Maschinengewehren dem Frauen- Aufstand ein Ende zu machen. Sie gaben nach, die Männer wurden entlassen.

Das alles ist auf der Säule zu lesen. „Es freut mich, dass damals doch nicht alles duldsam hingenommen worden ist“, sagte Helgard Lohmann, die von dem Aufstand in der Rosenstraße zuvor noch nie etwa gehört hatte. Und sie sah bereits, obwohl der Film noch gar nicht angelaufen ist, Katja Riemann vor sich, wie sie eine der frierenden Frauen mit Kopftüchern spielt, die in den Fenstern des Sammellagers nach ihrem Mann sucht und verzweifelt und wütend seinen Namen ruft. Die Spurensuche der Neugierigen, die gestern die kleine Rosenstraße entdeckten, war schwer: Das einstige Gemeindehaus Rosenstraße 2-4, zu dem die älteste Berliner Synagoge gehörte, wurde von Kriegsbomben zerstört. An der Ecke zur Heidereutergasse standen Gemeindehaus und Synagoge. Eine Glastafel an dem neuen Bürohaus, in dem „Spreeradio“ untergebracht ist, erinnert daran, wie auch im angrenzenden Park die Skulpturengruppe „Frauenprotest“ von Ingeborg Hunzinger. Gewürdigt wird die „Kraft des zivilen Ungehorsams“. Hier, innerhalb der Grünfläche, sind auch, kaum merklich, die Fundamente der Synagoge angedeutet.

So hätte die Filmemacherin Margarethe von Trotta am Originalschauplatz schwerlich drehen können. An alten Gebäuden stehen nur der große, denkmalgeschützte Gebäudekomplex Rosenstraße 16-19, der in den letzten Jahren saniert und modernisiert wurde. Hier ist das spanische Instituto Cervantes untergebracht, es gibt es aber auch viel Leerstand. Für einen Film, der im Jahr 1943 spielt, sah dem Produzenten der „Rosenstraße“ der große Altbau zu frisch aus.

Auch das „Alexander Plaza“, ebenfalls unter Denkmalschutz, wirkte zu hell und modern. Und die hohen, bis zu 24 Stockwerke hohen Plattenbauten ringsum passten ohnehin nicht. So begnügte sich das Filmteam mit Ortsbesichtigungen. Gedreht wurde aber in alten, grauen Kulissen auf dem Filmgelände in Babelsberg. Sie mussten im übrigen schon für den Film „Sonnenallee“ herhalten. Sehr düster wird also auch die Rosenstraße im Film aussehen. Ihren Namen erhielt sie um 1650. So blumig nannte man damals die Quartiere von Prostituierten.

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