Berlin : Kleine Haie

Ob Vogelgrippe oder Aids – Viren messen nur Tausendstel Millimeter, richten aber immense Schäden an. Wie machen sie das? Und wie kann man sie vernichten? Antworten auf diese und andere Fragen

Bas Kast

Alle Welt macht sich gerade Sorgen über Viren. Die Vogelgrippe kommt nach Europa, die Aidszahlen schießen empor, die Grippesaison beginnt. Gibt es eigentlich mehr Viren, wenn es kälter wird?

Nicht unbedingt. Wie kalt es draußen ist, hat mit der Vermehrung von Viren nur indirekt zu tun. Da Viren sich nur innerhalb eines Menschen oder Tieres vervielfältigen können, interessiert die Kälte draußen wenig. Einige Viren aber profitieren von unserem Verhalten bei Kälte: Im Winter machen wir’s uns warm. Was passiert? Heizungsluft trocknet die Schleimhäute aus. Die können sich jetzt nicht mehr so gut gegen Erreger wehren. Leichtes Spiel also für Viren, die uns über die Atemwege infizieren, wie die Schnupfen- und Grippe-Erreger. Und: Dadurch, dass wir mehr als sonst eng beieinander hocken, in Schulen oder Kneipen, können die Keime besonders leicht von Nase zu Nase hüpfen. Vielen anderen Erregern nützt das nichts: Das Aids auslösende HIV etwa wird sexuell übertragen und somit genauso wenig von der Kälte beeinflusst, wie unser Sexualverhalten. Wieder andere, wie das Meningoenzephalitis-Virus, das zu Hirnentzündungen führen kann, blühen im Sommer auf – weil es dann den Überträgern gut geht, den Zecken.

Was ist der Unterschied zwischen der saisonalen Grippe und der Vogelgrippe?

Grippen werden von Viren ausgelöst, die zur Influenza-Familie gehören. Manche Influenza-Viren sind an den Menschen angepasst, sie lösen die saisonalen Grippen aus. Die Vogelgrippe ist auf Geflügel, Hühner und Zugvögel, spezialisiert. Jedes Virus hat auf seiner Hülle bestimmte Eiweißstrukturen, die als eine Art Schlüssel dienen. Dieser molekulare Schlüssel passt nur auf Oberflächenstrukturen bestimmter Zellen, etwa auf die von Hühnern. Mit Hilfe des Schlüssels „knackt“ ein Virus das Schloss auf der Oberfläche der Zellen und dringt in sie ein. Der gleiche Schlüssel passt aber nicht auf andere, menschliche Zellen. Deshalb unterscheiden sich die menschlichen Grippen von der Vogelgrippe.

Warum machen wir uns dann wegen der Vogelgrippe solche Sorgen?

Die Gefahr besteht, dass sich der Schlüssel des Vogelgrippevirus ändert. Das Virus kann „mutieren“, sich so verändern, dass es in der Lage ist, an menschliche Zellen anzudocken und sie zu infizieren. Wenn das geschieht, wird unser Abwehrsystem mit einem Angreifer konfrontiert, den es noch nie „gesehen“ hat. Da es darauf nicht vorbereitet ist, könnte es zu einer weltweiten Verbreitung des Virus (Pandemie) mit Millionen Opfern kommen. Das Vogelgrippevirus kann sich auch mit einem menschlichen Grippevirus vermischen. Dann entsteht ebenfalls ein neues Virus. Weil keiner weiß, wie das aussehen könnte, gibt es auch noch keinen Impfstoff.

Und welche Krankheiten können Viren noch auslösen?

Aids, Hepatitis, Polio, Mumps, Masern, Herpes bis hin zu Formen von Krebs. Papillomaviren zum Beispiel können Gebärmutterhalskrebs auslösen.

Was sieht man, wenn man Viren durch ein Mikroskop anguckt?

Unterschiedliches. Man sieht allerdings erst einmal nicht viel, wenn man nur durch ein übliches Lichtmikroskop guckt. Dafür sind Viren viel zu winzig. Viren sind weitaus kleiner als menschliche Zellen. Sie sind etwa 1000 Mal kleiner als Bakterien. Ihre Größe beträgt so zwischen 17 und 300 Nanometer (Pocken-Viren sind am größten), wobei 100 Nanometer einem Zehntausendstel Millimeter entspricht. Um ein Virus zu sehen, braucht man ein Elektronenmikroskop. Viren, zeigt sich darin, nehmen höchst unterschiedliche Gestalten an. Manche sind kugelig, andere stäbchenförmig, manche sehen aus wie Spinnen, einige wie Raumschiffe.

Was machen Viren? Oder machen sie alle das Gleiche?

Es ist genau wie bei den Tieren: Es gibt Tausende von Arten. Sie sehen ganz unterschiedlich aus und verhalten sich entsprechend verschieden. Alle aber haben eins gemeinsam: Viren können nicht eigenständig überleben und sich vermehren. Sie brauchen dazu einen Wirt, zum Beispiel uns. Und deshalb machen sie zunächst alle das Gleiche: Sie befallen ihre Opfer. Manche attackieren nur den Nasenrachenraum, wie die Rhino- und Coronaviren, die die Schleimhäute zerstören und uns einen Schnupfen bescheren. Andere, wie das Ebola-Virus, greifen zahlreiche Organe an, was zu massiven inneren Blutungen führt.

Woraus bestehen Viren?

Vereinfacht gesagt: Aus einem Stück Erbgut mit einer Eiweißhülle drumherum.

Wie vermehren sie sich?

Sie gelangen in unseren Körper über Luft, Blut oder auf anderem Wege und docken an die Oberfläche der Zellen an. Dann dringen sie in die Zellen und nutzen dort die Maschinerie, mit der Zellen sich vermehren. Das Ziel: ihre eigene Vermehrung. Nachdem ihre Bausteine kopiert sind, setzen sie sich zu neuen Viren zusammen und verlassen die Zellen, um neue zu befallen. Manchmal werden die Zellen dabei zerstört, und wir fühlen uns krank. Manchmal bleiben die Zellen auch verschont, und wir merken nichts.

Wenn alle Viren sich ähnlich verhalten, wo liegt denn dann der Unterschied?

Nur das Prinzip der Viren – Befall eines Wirts und Vermehrung – ähnelt sich. Ansonsten sind sie sehr verschieden. Das fängt beim Genom an, geht über die Gestalt bis hin zu den Krankheiten, die sie auslösen. Erkältungsviren gelangen über Mund und Nase in den Körper und vermehren sich dort. HIV vermehrt sich in bestimmten Immunzellen, die sich im Blut befinden. Deshalb bekommt man Aids nicht von einem Händedruck. Manche Viren, wie HIV oder Herpesviren, ruhen lange in den Zellen, bevor sie aktiv werden. Andere wie Ebola machen sich schnell an ihre Zerstörungsarbeit.

Sind Viren alle „böse“? Oder sind manche auch nützlich?

Sie sind alle pathogen – sie machen uns krank. Aber: Viren aktivieren auch das Immunsystem. Manche Forscher glauben, wenn es nicht beschäftigt wird, würde es aus Langeweile anfangen, den Körper anzugreifen. Es käme zu Autoimmunerkrankungen wie Asthma. Forscher versuchen auch, Viren als Genfähren zu benutzen, um kranke Gene durch gesunde zu ersetzen. Dieser Ansatz, Gentherapie genannt, funktioniert aber noch nicht.

Sind Viren intelligent?

Naja, „trickreich“ könnte man sie nennen. Nicht wenige Viren manipulieren ihren Wirt so, dass sie ihre eigene Vermehrung begünstigen. Eine Erkältung zum Beispiel: Es lässt uns niesen – und wir stecken unsere Mitmenschen an: Das Virus hat sein „Ziel“ erreicht. Tollwutviren wandern ins Hirn und machen ihren Wirt, etwa einen Hund, aggressiv und beißwütig. Mit einem Biss wiederum infiziert der Hund andere. Wieder hat sich das Virus vermehrt. All das tun die winzigen Erreger selbstverständlich nicht bewusst. Viren mit diesen Eigenschaften haben sich im Kampf ums Dasein einfach am besten durchsetzen können. Das Ebola-Virus tötet seinen Wirt oft so schnell, dass es sich vorher nicht hat vermehren können. Insofern ist Ebola eher „dumm“ – und selten.

Kann man Viren bekämpfen?

Ja. Am effektivsten ist Prävention: Kondome schützen vor Aids. Mit den hygienischen Verhältnissen, wie sie in unseren Breiten herrschen, schützt man sich vor der Verbreitung zahlreicher anderer Viren. Ist man einmal angesteckt, gibt es diverse „antivirale“ Medikamente. Sie bestehen meist aus Substanzen, die die Vermehrung des Virus im Körper hemmen. Ein antivirales Mittel ist „Tamiflu“ (siehe Kolumne links), das jetzt auch von Deutschland in hohen Dosen eingekauft wurde, für den Fall, dass die Vogelgrippe auf den Menschen springt. Besonders wirksam sind Impfungen, die nicht immer, aber oft schützen. Gegen viele Viren-Erkrankungen gibt es aber noch keine Impfstoffe, obwohl man daran arbeitet. Bei HIV ist es schwer, einen zu entwickeln, weil sich das Virus andauernd ändert. Übrigens: Antibiotika helfen nicht gegen Viren, sondern nur gegen Bakterien.

Die Viren auf dieser Seite in schematischer oder mikroskopischer Darstellung von links: Vogelgrippe, Aids (oben), Hepatitis (unten), Grippe, Ebola-Wurm, Aids. Bildnachweise: Superbild (3), AFP, dpa, Agt. Focus/Science Photo.

DIENSTAG, 11.10.

Vorträge & Beratung : „ Stillen und Wochenbett“, Charité Campus Virchow Klinikum, Augustenburger Platz 1, auf dem Gelände: Mittelallee 10, Erdgeschoss, Hörsaal 6, ab 19 Uhr.

Vortrag : „ Frauen sind anders krank : Auf den Körper hören – Warnsignale beachten“, Urania, An der Urania 17, Eintritt fünf Euro, 19.30 Uhr.

MITTWOCH, 12.10.

Im Fernsehen : „ Quivive – das Gesundheitsmagazin“. Themen: „ Impfen “, „Tipps für einen erholsamen Schlaf “, „ Rauchfrei leben “, RBB, 20.15 Uhr.

FREITAG, 14.10

Vorträge & Beratung : „ Makula-Degeneration “, Gästehaus des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein, Auerbacher Straße 5, ab 14 Uhr. Außerdem: Hilfsmittelausstellung für Sehbehinderte , Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa. 10 bis 15 Uhr.

DIENSTAG, 18.10.

Vortrag : „Gruß vom Fuß : Endlich wieder schmerzfrei“, Urania, An der Urania 17, Eintritt fünf Euro, 17.30 Uhr.

DONNERSTAG, 20.10.

Vortrag : „ Schöneberger Diabetesabend – der Gesundheitspass Diabetes“, Klinikum Auguste Viktoria, Rubensstraße 125, Gründersaal Haus 3, 18.30 Uhr.

Vortrag : „Therapie der Neurodermitis im Kindesalter “, Klinikum Neukölln, Rudower Straße 48, Raum 2062, 18 Uhr.

Vortrag : „ Homöopathische Sexualberatung für sie und ihn“, Urania, An der Urania 17, Eintritt fünf Euro, 17.30 Uhr.

SONNTAG, 23.10.

Vortrag : „Virtuelle Körperwelten – moderne dreidimensionale bildgebende Diagnostik “, Unfallkrankenhaus, Warener Straße 7, Kesselhaus, 10.30 Uhr.

MONTAG, 24.10.

Vortrag : „ Diabetes und Stoffwechselerkrankungen aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin“, Urania, An der Urania 17, Eintritt fünf Euro, 17.30 Uhr.

Vortrag : „ Seelische Selbstheilungskräfte aktivieren – Stressbewältigung durch Achtsamkeit“, Urania, An der Urania 17, Eintritt fünf Euro, 17.30 Uhr.

DIENSTAG, 25.10.

Vortrag (zusammen mit der Stiftung Warentest): „Länger leben durch Früherkennung ? Warum man bei Tests genau hinschauen muss“, Urania, An der Urania 17, Eintritt fünf Euro, 19.30 Uhr.Tsp

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