Berlin : Kleine Nadeln, großer Kerl

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Geschichten von oder über Menschen, die auf den Arzt warten, die stehen hier jeden Montag. Heute: unsere Autorin Katja Füchsel beim Akupunkteur.

Bei meinem Akupunkteur ist es immer ganz still. Meeresrauschen aus Boxen, sphärische Musik, auf Stühlen sitzen wir um einen Tisch herum oder liegen auf Tragen und sehen aus wie diese PartyIgel, die in den 60ern so beliebt waren, um Käsehäppchen zu präsentieren: Nadeln, überall Nadeln. In den Schultern, am Hals, im Rücken, an den Fesseln, und dazu tragen wir wie die Teletubbies noch eine einzelne Nadel auf dem Kopf. Wie eine Antenne. Lustig? Hier gucken alle so teilnahmslos, als säßen sie in der Straßenbahn. Etwa zehn Mal piekst es kurz, dann heißt es warten – auf dass die Energie fließe und der Schmerz verschwinde. Wir träumen uns zu den Klängen der Endlos-CD auf die Luftmatratze nach Thailand, es wird ganz warm, ganz schwer, so träge… Aber plötzlich jault da einer, stört die Ruhe: „Auauauau!“ Breite Schultern, muskulöse Arme, fettes Tattoo. „Jesus!“, stöhnt der Hüne. Aua! Au!! Bei jedem Stich! Und dann, als die letzte Nadel sitzt, fängt er auch noch an zu erzählen: „Weißte, vorm Jahr hab ick im Kino mal so’n amerikanischen Karatefilm jesehen. Und da war so einer, so ein asiatischer Heilmeister, oder so, der hat ’nem anderen ’ne Nadel in den Hals gestochen und gesagt: Wenn ich die rausziehe, bist du tot!“ Beunruhigt schaut er den Arzt an. „Geht so was?“, fragt er. „Nee“, sagt der Arzt. Dann ist wieder Ruhe.

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