Berlin : Kleine Patrioten

Schwarz-Rot-Gold im Gesicht, Fahne im Ranzen: Dürfen Kinder in der Schule Flagge zeigen?

Sabine Beikler

In dieser fußballverrückten Zeit wundern sich manche Eltern über ihre eigenen Kinder. Zehnjährige Mädchen malen sich schwarz-rot-goldene Fähnchen ins Gesicht. 14-jährige Jungs tragen T-Shirts mit Fußbällen drauf oder Pulswärmer in Gelb-Grün, den Nationalfarben Brasiliens. Das WM-Fieber hat viele Schüler gepackt. Dafür hat Schulsenator Klaus Böger (SPD) großes Verständnis. „Als Fußballfan überlegt er ja selbst, ob er sich bei wichtigen Spielen das Gesicht schwarz-rot-gold schminkt“, sagt Jens Stiller, Sprecher der Senatsschulverwaltung.

Doch wie reagieren die Lehrer, wenn die Jungen und Mädchen mit schwarz-rot-goldenen Balken an der Wange oder mit kleinen Deutschlandfähnchen in die Klasse kommen? „Ich habe damit keine Schwierigkeiten. Hauptsache, die Schüler sehen nicht wie kleine Clowns aus“, sagt Klaus-Peter Bender, stellvertretender Schulleiter des Eckener-Gymnasiums in Mariendorf. Die meisten der 770 Schüler seien jedoch „sehr pragmatisch und trennen zwischen Freizeitverhalten und Schulbesuch“.

Kein Problem mit T-Shirts in Nationalfarben oder geschminkten Gesichtern hat auch die ganztägige Teltow-Grundschule in Schöneberg. Mehr als 90 Prozent der 350 Schüler sind Migranten. Schon allein deshalb gebe es während der Fußball-WM Unterstützung für die unterschiedlichsten Mannschaften, sagt Schulsekretärin Ilona Kodel.

Grenzen der Fußballbegeisterung sind dann erreicht, „wenn der Schulfriede gestört wird“, sagt Böger-Sprecher Stiller. Das können zum Beispiel monströse schwarz-rot-goldene Perücken oder riesige Fahnen sein. Die Lehrer sollten das aber „sportlich“ sehen und die Fußballbegeisterung nutzen, um mit den Schülern zum Beispiel über das Thema Patriotismus zu diskutieren.

Grundsätzlich sind an den Schulen verfassungsfeindliche Symbole wie Hakenkreuze oder Parteienwerbung verboten. Als ein Pankower Schulleiter im letzten Jahr verboten hatte, einen Aufruf zu einer Protestkundgebung gegen einen Neonazi-Aufmarsch in der Schule anzubringen, handelte er laut Böger „formalrechtlich“ richtig, da der Aufruf auch von Parteien unterzeichnet worden war. Bestimmte Ausnahmen für Parteienwerbung wie Faltblätter darf die Schulleitung während des Wahlkampfes genehmigen.

In Berlin gilt außerdem seit 2005 das Neutralitätsgesetz für alle Landesbediensteten bei Polizei, Justiz, Rechtspflege, im Justizvollzug und in den Schulen: Sie dürfen keine deutlich sichtbaren religiösen Symbole wie Kopftuch, Kippa oder markante christliche Symbole tragen. Erlaubt sind nur noch religiöse Symbole von der Größe eines Schmuckstücks. Und die Symbole des deutschen Staates, wie „die Farben, die Flagge, das Wappen oder die Hymne“ dürfen laut Paragraf 90a, Strafgesetzbuch, nicht verunglimpft werden.

Sollten Schüler während der Fußball-WM tatsächlich mit riesigen Deutschlandfahnen in die Schule kommen, muss „im Zweifel“ der Schulleiter entscheiden. „Es könnte jemand damit verletzt werden“, sagte Stiller. Theoretisch könnten Jungen und Mädchen also auch mit nordkoreanischen, kubanischen oder chinesischen Nationalfarben auf T-Shirts in die Schule kommen. Verboten ist das nicht – doch von einigen Schulleitern vermutlich auch nicht gern gesehen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar