Berlin : Kleine und große Fische

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Nachdem ich die Gäste an der Wohnungstür verabschiedet habe, gehe ich zurück ins Zimmer und sehe, wie Frau Hoffmann auf dem Tisch steht. Ungerührt schnuppert sie an den leeren Gläsern und Tellern. „He!", rüge ich ihr Betragen, „was soll das?"

Sie lässt sich nicht stören und untersucht die Reste eines Pflaumenkompotts. Dann springt sie betont langsam, als stünde das in ihrem Abendprogramm, auf einen Stuhl und von dort auf den Boden, wo sie hingehört. Manchmal benimmt sie sich wie in Trance. Wenn sie Frau Christiansen im Fernsehen sieht, verfällt sie in eine Art von Starre; bei Ulrich Wickert rollt sie sich auf dem kleinen Teppich, den ich ihr für diesen Zweck gekauft habe. Der Vorwurf in meiner Stimme verlangt ihr eine neue Reaktion ab. Also stellt sie sich auf die Hinterbeine und krallt ihre Pfoten in den Sesselüberwurf, den ich ebenfalls für diesen Zweck gekauft habe. (So eine Katze bringt einen noch ins Armenhaus!) Nach einer gebührenden Weile beendet sie ihre sportliche Demonstration und fragt: „Worüber habt ihr euch denn so gestritten?" Sie hat natürlich zugehört.

„Über die Möglichkeit eines Regierungswechsels."

„Das war mir klar. Aber was hat die Ästhetik damit zu tun? Ihr habt doch ständig über Ästhetik geredet!"

Auch wenn die Frage von einer Katze kommt, sollte man sie nicht ignorieren. Denn hat Ästhetik etwas mit einem Regie-rungswechsel zu tun? Nicht einmal bei Macchiavelli gibt es einen entsprechenden Hinweis. "Wir stritten uns über die Gesichter der Politiker. Da hatten wir eben verschiedene Urteile über deren ästhetische Erträglichkeit."

„Was ist eine ästhetische Erträglichkeit?"

Wenn du mit einer Katze sprichst, vermeide unpräzise und verschlüsselte Formulierungen! Katzen sind schlauer als BILD-Leser; sie fragen nach. In dieser Sache besonders, da sie nach meinen Beobachtungen keine ästhetischen Maßstäbe haben, wenn sie sich mit Katern einlassen. Da gibt es vernarbte Rumtreiber, schielende Sänger und räudige Haudegen, auf die sie hereinfallen, als wären sie blind. Hält man ihnen ihre unpassende Wahl vor, verstehen sie Bahnhof.

„Es ging um die Gesichter von Politikern. Manche wirken auf unsere Freunde wie. . . wie Fischköpfe."

„Welche Fische?" Frau Hoffmann mag Fische. Aber nur bestimmte Sorten.

„Alle Sorten", sage ich politisch korrekt. „Glotzäugige Fische, blonde Fische, Fische mit Bart, mit Schmerbauch und grinsende Fische. Du hast ja gehört, wie verschieden die ästhetischen Einschätzungen sind."

„Ich habe n verstanden. Zum Beispiel Westerwelle, Stoiber, Merkel und Struck. Die kenne ich vom Fernsehen. Das sind doch keine Fische!"

Was soll ich sagen? Kleine Fische? Große Fische? Hai und Wal? Hering und Karpfen? Ich rette mich in ein englisches Sprichwort: „It takes a lot of animals to make a zoo"! Ist natürlich unfair; denn Frau Hoffmann versteht kein Englisch. Also füge ich hinzu: „In einer Regierung können die krummsten Typen sitzen. Gewählt ist gewählt."

Nun wissen wir alle, dass Frau Hoffmann eine demokratisch gewählte Regierung so gleichgültig ist wie eine Diktatur. Sie folgt jedem, der ihr die Dosen mit dem Futter öffnet. Daher auch ihr Unverständnis für die ästhetische Empfindlichkeit gewisser Menschen, die Pflaumenkompott essen und sich über die Kandidaten der nächsten Wahl streiten. Vielleicht sollte man das Katzenfutter abschaffen.

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