Berlin : Kleiner Flieger, großes Chaos

Der Flughafen Schönefeld wird nach einer Bruchlandung gesperrt. Tausende warten oder müssen nach Tegel.

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Am Unfallort. Rettungskräfte eilten zum Flugzeug, das ins Gras gerutscht war. Im Hintergrund ist der neue BER-Terminal zu erkennen. Foto: dpa
Am Unfallort. Rettungskräfte eilten zum Flugzeug, das ins Gras gerutscht war. Im Hintergrund ist der neue BER-Terminal zu...Foto: dpa

In der Terminalhalle von Schönefeld warten alle. Und warten. Hunderte Passagiere sitzen auf Stühlen, auf Koffern, sie lesen, reden – und warten. Durchsagen gibt es erst Stunden später. Aber dass hier kein Flugzeug startet oder landet, wo einmal der Großflughafen Berlin-Brandenburg fertig werden soll und sich derzeit der Kleinflughafen Berlin-Schönefeld befindet, merkt jeder. Ein Kleinflugzeug vom Typ „Embraer 500“ blockiert die einzig verfügbare Startbahn, die Nordbahn. Also warteten tausende Passagiere in Schönefeld und auf anderen Flughäfen, denn der Flughafen am Stadtrand ist am Freitag für sechs Stunden gesperrt.

Kurz nach 9 Uhr war das in Belgien gestartete Geschäftsflugzeug von der Bahn abgekommen; dabei war ein Fahrwerk abgeknickt. Nach Tagesspiegel-Informationen könnte ein defektes Bugrad die Ursache gewesen sein. Eine Bestätigung dafür gibt es aber nicht. Die Unglücksmaschine, deren drei Insassen – zwei Piloten und ein Passagier – unverletzt blieben, hatte die einzig benutzbare Start- und Landebahn blockiert; und vor dem Abschleppen mussten die örtlichen Untersuchungen der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung abgeschlossen sein, deren Experten aus Braunschweig kamen. Die neue Südbahn in Schönefeld ist zwar fertig, aber für den Flugverkehr nicht freigegeben (siehe Artikel rechts). Das Wetter zur Zeit der Bruchlandung war trübe und fast windstill bei Temperaturen um null Grad.

Dass größere Geschäftsflugzeuge auf internationalen Flughäfen landen, ist üblich. Auch am künftigen BER-Flughafen wird es dafür einen sogenannten GAT-Bereich geben. Kleinere Maschinen müssen allerdings ausweichen; sie landen vorwiegend in Schönhagen oder Strausberg. Die größeren dürfen auch nach Schönefeld.

„Die Ansagen des Servicepersonals widersprechen sich. Jeder sagt hier was anderes“, ärgert sich Barbara Bödefeld. Die 52-Jährige ist mit ihrem Lebensgefährten seit 9 Uhr am Flughafen, beide wollten um halb 11 Uhr nach Griechenland fliegen. Um 10 Uhr erfuhren sie, dass ihr Flug nicht starten wird. Es hieß, bis 13 Uhr gebe es keine neuen Informationen. Um 12 Uhr kam dann eine SMS, dass bis 17 Uhr kein Flieger geht. So reihte sich das Paar ein in die Schlangen an den Bistros. An den Terminals wurden die Passagiere mit Wasser und Cornys versorgt.

Der 30-jährige Simon wollte nach Antalya. Er hasst Fliegen, macht es höchst selten und wenn, hat er Pech: Im Sommer hat er einen Flug über den BER gebucht und dann aus der Zeitung erfahren, dass der nicht eröffnet wird. Er musste sich dann um die Rückerstattung kümmern. Heute wird es nicht mal damit was. „Eine Stunde stand ich in der Schlange. Als ich dann nach einer Umbuchung fragte, hat die Dame mich so angeschaut, als wäre ich nicht ganz dicht.“ Nun sollte er um 21 Uhr abheben – ab Leipzig. Er bekam einen Verzehrgutschein für 7,50 Euro.

Trotzdem wirkt es wie ein kleines Wunder: Obwohl der Flughafen stundenlang lahmgelegt worden war, mussten nur wenige Flüge ausfallen. Die meisten ankommenden Flugzeuge konnten nach Tegel umgeleitet werden, obwohl es dort kaum mehr Puffer für den dortigen Regelbetrieb gibt. Auf Starts mussten Passagiere in Schönefeld allerdings stundenlang warten. Erst um 15.22 Uhr konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden. Teilweise waren Flüge vom Morgen bis auf den späten Abend verschoben worden.

Nach Angaben der Flughafengesellschaft waren bis zum Nachmittag 13 Starts und Landungen gestrichen worden. 20 ankommende Flugzeuge wurden umgeleitet, 19 davon nach Tegel. Diese Maschinen sollten noch am Freitag leer nach Schönefeld fliegen, um dort wieder eingesetzt werden zu können. In Tegel waren wegen eines Streiks des Kontrollpersonals in Köln 16 Flüge ausgefallen.

Einige Reisende wurden am Flugfeld in Schönefeld mit Sonderbussen der BVG nach Tegel transportiert, um dort abzufliegen. Dort mussten sie anschließend erneut durch die Sicherheitskontrollen, um dann in ihre gebuchten Maschinen zu gelangen. Auch die Gegenrichtung war gefragt. „Unser Auto steht in Schönefeld“, erzählte Marianne Buder aus Beeskow, die eine Woche in Dublin geweilt hatte und nun in Tegel ankam. „Jetzt fahren wir mit dem Bus durch die Stadt."

Im schon alltäglichen Trubel auf dem Flughafen Tegel fielen die zusätzlichen Passagiere aus Schönefeld am frühen Nachmittag kaum noch auf. Nur vor dem kleinen Schalter „Airport-Information“ stand rund ein Dutzend Passagiere, die sich auf eigene Faust vom Flughafen im Südosten nach Tegel per Taxi begeben hatten. „Wir wollen nach Dublin und haben in Schönefeld schon eingecheckt und unser Gepäck aufgegeben“, sagte eine erstaunlich ruhig wirkende Frau aus der irischen Hauptstadt. „Dann wurde uns am Schalter gesagt, dass wir uns nach Tegel auf den Weg machen müssten. Dort stünde unsere Maschine.“ Mit ihrem Mann und einem befreundeten Ehepaar wartete sie nun auf einen Betreuer des Flughafens, der sie zur erneuten Pass- und Sicherheitskontrolle begleitete.

Auch wenn nur wenige Flüge ganz gestrichen werden mussten, waren doch tausende Passagiere betroffen. Der Service funktionierte allerdings den Umständen entsprechend gut. Unter Passagieren aus Lissabon machte ein für diese Zeit typisches Gerücht die Runde. „Unser Pilot hatte wohl gedacht, der neue Flughafen in Schönefeld sei schon fertig“, erzählte ein Kaufmann aus Portugal. „Als er sah, dass das noch eine Baustelle war, drehte er ab und landete in Tegel. Wir waren alle an Bord ziemlich ratlos.“ Erst später wurde die Reisegruppe über das Unglück und damit den tatsächlichen Grund der Umleitung ihres Fluges aufgeklärt. Sie hätten gar nicht gedacht, dass es neben der Baustelle noch einen funktionierenden Flughafen gibt.

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