• Kleiner Unterschied, große Folgen Lesbische Fußballerinnen haben’s leichter? Teilweise

Berlin : Kleiner Unterschied, große Folgen Lesbische Fußballerinnen haben’s leichter? Teilweise

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Foto: Mike Wolff

Ein Opa, 93 Jahre alt, meldete sich. Immerhin. Und dann gab es auch noch die beiden anderen Fußballfans, die Nadine Angerer aufs Thema ansprachen. Das war’s dann aber auch. Die Weltklasse-Fußballtorhüterin, sechs Jahre bei Turbine Potsdam unter Vertrag, hatte in einem Interview erklärt, dass sie auch Frauen liebe. „Die drei Tage nach dem Interview werden bestimmt der Horror“, hatte Angerer gedacht. Der Horror bestand aus drei Menschen, mehr redeten nicht mit ihr über ihre Äußerungen.

Ist das der Unterschied? Bei schwulen Fußballern ist die Aufregung groß, das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger bewegt die Nation, diverse Amateurspieler haben Angst, sich zu offenbaren, aktive Profis sowieso? Und bei lesbischen Fußballerinnen interessiert das keinen Menschen? Vorsicht, sagt Tatjana Eggeling, so einfach sei das nicht. Die 50-jährige Kulturwissenschaftlerin arbeitet seit Jahren zu Homosexualität im Sport. Es gibt auf jeden Fall einen Unterschied zwischen Spitzen- und Breitensport bei lesbischen Fußballerinnen, sagt sie.

„Im Spitzenfußball interessiert das Coming-Out einer Fußballerin wirklich keinen Menschen“, sagt sie. Zum einen habe Frauenfußball sowieso keinen großen Stellenwert bei Fans. Und dann sind da noch diese Bilder in den Köpfen: Fußballerinnen sind kurzhaarig, spielen körperbetont, verteilen Rippenstöße, grätschen nach dem Ball, kurz: Sie treten einfach nicht so auf, wie viele das von Frauen erwarten. „Beim Frauenfußball denken viele, er sei von Lesben geprägt, auch deshalb regt es niemanden auf, wenn jemand seine Partnerin vorstellt“, sagt Eggeling. „In den Spitzenvereinen geht man offener mit dem Thema Homosexualität um als in Männerteams“, sagt sie. „Dort weiß im Grunde genommen jeder, wer mit wem liiert ist.“

An der Basis hingegen, bei den kleinen Vereinen, ist es keineswegs normal, dass sich Fußballerinnen problemlos outen können. „Da gibt es durchaus Homophobie.“ Auffangbecken für viele lesbische Fußballerinnen sind die vielen klar homosexuell definierten Vereine. „Viele Frauen gehen von vornherein zu diesen Klubs, weil sie wissen, dass sie dort diskriminierungsfrei spielen können“, sagt Eggeling. Andere, die in den 08/15-Klubs auf Ablehnung stießen, weichen ebenfalls auf diese Vereine aus. Den 93-jährigen Opa, der Nadine Angerer ansprach, den hätten lesbische Fußballerinnen gerne als Vereinsmitglied. „Ich finde das gut“, teilte er der Torhüterin begeistert mit. Frank Bachner

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