Berlin : Kleines Glück in der Manege

Ole Töns

Trommelwirbel: Das Licht geht aus, das Murmeln und Rascheln erstirbt in vollen Rängen unter bunter Zeltplane. Trommelwirbel: grelles Licht auf rotem Vorhang, wieder ein Trommelwirbel, und dann ... Im Zauber des Zirkus sich ganz zu vergessen, ist ein Privileg der kindlichen Seele. Kleine, manchmal sorgenschwere Seelen selbst in die Manege zu holen und ihnen Flügel zu verleihen - das ist die Aufgabe, die sich der Schöneberger Juxirkus gestellt hat. In dem bunten Zelt an der Hohenstaufenstraße fliegen, liegen, laufen und wirbeln Kinder zwischen neun und 16 Jahren im Scheinwerferlicht, wenn nach mehrmonatiger harter Arbeit und akrobatischen Trainings wieder ein Stück fertig ist.

Zum Beispiel das neue Programm: "Was wäre wenn ..." Es knöpft sich mit dem Charme der jungen Jahre ein Berliner Alltagsthema vor, das eigentlich kaum trister sein könnte: Haushaltsknappheit. Der Hintergrund: Seit Mitte des Jahres kursierte eine Streichliste des bezirklichen Jugendhilfeausschusses, wonach unter anderem der Juxirkus auf Zuschüsse hätte verzichten müssen, die, so glaubten die Betreiber, seine Existenz gefährdet hätten.

Das Hin und Her lokalpolitischer Haushaltsdebatten ließ die über 100 Kinder, die dort regelmäßig trainieren, Angestellte und Honorarkräfte den Sommer über bangen. Ein Kinderzirkus gehöre nicht zum unersetzlichen Kernangebot kommunaler Jugendarbeit, lautete eines der Argumente für die Streichpläne. Bis - oh Wunder - das Bezirksamt auf einmal doch noch eine zusätzliche Million entdeckte. Noch bevor sich die Rettung abzeichnete, hatten Kinder, Jugendliche und Mitarbeiter aber begonnen, eine letzte Vorführung zu planen, erzählt die Leiterin des 1988 gegründeten Projekts, Conny Fischer. Entstanden ist eine Liebes- und Abschiedserklärung, die es in sich hat.

Die Idee ist einfach: "Ich hab geträumt, es ist kein Geld mehr da, das Zelt ist leer ...", so beginnen die drei Jugendlichen, die als Conférenciers durch das Programm führen. Und dann besinnen sie sich, dass jedes gewonnene Zuschauerherz auch ein Wählerherz ist, und dass das auch Bezirkspolitiker wissen. Von nun an wird geturnt, getanzt, jongliert, gezaubert, geklettert und balanciert, auf dass bei jedem der nötige Groschen falle. Kunst für die Gunst - wie im echten Zirkus.

Und trotz kindlicher Ausrutscher von ganz eigenem Charme: Erstaunlich professionell ist, was da von über 80 Beteiligten geboten wird. Da klettern Dreikäsehochs übereinander zu meterhohen menschlichen Türmen, wird in komplizierten Formationen auf großen Gummibällen durch die Manege balanciert, drehen jugendliche Seiltänzerinnen Pirouetten auf dem Draht. Es ist zu ahnen, dass so manches Kind zu Hause Sorgen hat, dass der Zirkus für viele eine zweite Familie ist, wie Conny Fischer erzählt. Dies aufzufangen, gehört zu den wichtigsten Aufgaben, die sich das Projekt gestellt hat. Die Gesichter und Gesten der Kinder unter der Zirkuskuppel spiegeln es immer wieder, im sichtbaren Wechsel von Konzentration, Schüchternheit, Sorgen und Momenten des Glücks.

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