Berlin : Kleinkind-Entsorgung: Bettchen im neongrünen Kasten

Sigrid Kneist

Im Krankenhaus Waldfriede an der Argentinischen Allee gibt es seit gestern eine so genannte Babywiege, in der Mütter in einer Notsituation anonym ihr Baby in die Obhut des Krankenhauses geben können. Der Weg zur Babywiege - einem neon-grünen Kasten mit einer Klappe an der Rückwand des Hauses A - ist ausgeschildert und über einen gesonderten nicht videoüberwachten Eingang zu erreichen. In dem Kasten befindet sich ein Wärmebettchen. Wird ein Kind hineingelegt, löst ein Sensor zeitversetzt Alarm beim Pförtner aus, der die Geburtshilfestation benachrichtigt. Dies soll der Mutter die Gelegenheit geben, das Gelände unerkannt verlassen zu können.

Es sei unbedingt notwendig, die Anonymität der Mütter zu gewährleisten, sagt die Initiatorin des Projektes, die Pastorin Gabriele Stangl. Manche Frauen seien in einer solchen Krisensituation, hätten die Schwangerschaft verheimlicht und das Kind vielleicht unter menschenunwürdigen Bedingungen im Wald oder auf einer Toilette entbunden. Es gebe Situationen, in denen Frauen um ihr Leben fürchten müssen, wenn ihre Mutterschaft bekannt wird. "Für diese Frauen ist die Schwelle einer Adoption, bei der man auf jeden Fall aktenkundig wird, zu hoch", sagte Stangl gestern bei der Vorstellung der Babywiege, der ersten derartigen Einrichtung in Berlin. "Es ist eine extreme Lösung in einer extremen Notsituation."

Eine Strafverfolgung muss eine Mutter nach Angaben des Krankenhausdirektors Edwin Scharfschwerdt nicht befürchten, da es sich nicht um eine "Aussetzung in Hilflosigkeit" handle. Man müsse vielmehr sehen, dass die Mutter sich mit diesem Schritt verantwortungsvoll für das Leben ihres Kindes entschieden habe. Das Krankenhaus, das von der evangelischen Freikirche der Siebenten-Tages-Adventisten geführt wird, übernimmt die medizinische Versorgung des Kindes und benachrichtigt das Jugendamt Zehlendorf. Dieses gibt das Kind in eine Pflegefamilie. Innerhalb von acht Wochen hat die Mutter das Recht, ihr Kind zurückzunehmen. Nach Ablauf dieser First wird ein Vormund bestellt und das Adoptionsverfahren eingeleitet. "Das Projekt steht und fällt mit der Anonymität", sagte Zehlendorfs Jugendstadtrat Klaus-Peter Laschinsky. Dennoch müsse die Staatsanwaltschaft benachrichtigt werden, die dann entscheidet, ob ein Ermittlungsverfahren einzuleiten ist oder nicht.

Unter dem Namen Babyklappe war im März dieses Jahres ein ähliches Projekt in Hamburg ins Leben gerufen worden. Darüber hinaus gibt es in Schönow, nördlich Berlins, das Haus Sonnenblume, eine Mutter-Kind-Einrichtung, in der Frauen in einer Krisensituation ihr Kind anonym abgeben können. Gesundheitssenatorin Gabriele Schöttler bezeichnete die Babywiege als allerletzten Ausweg zur Rettung Neugeborener. In Berlin werden jährlich zwei bis drei Kinder ausgesetzt.

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