Berlin : Kleinkunst: Richard von Weizsäcker im Gästezimmer

Steffi Bey

Wenn Günter Weinhold unter Stress steht, schaukelt er den Stress einfach weg. Man muss sich das so vorstellen: Der kräftige Mann setzt sich auf ein schmales Brett, dass an dicken Seilen von seiner Werkstattdecke hängt. Mit geschlossenen Augen schwingt er ein paar Mal hin und her. Dabei wirbeln Holzspäne durch die Luft, und Weinhold pendelt langsam aus. Wie jedes Mal, wenn er unter Termindruck steht, geht es nach diesem Ritual an "den letzten Schliff". Der 50-Jährige begutachtet dann die Märchen- und Fabelwesen, an denen er in den letzten Wochen arbeitete. Er vergleicht die Figuren mit den Skizzen, überprüft den Gesichtsausdruck, greift mitunter wieder zum Schnitzmesser und zieht manchmal auch noch einige Fäden nach. Und anschließend lässt er die Puppen dann tanzen.

Gemeinsam mit seiner Frau Barbara baut der Köpenicker seit fast 25 Jahren die verschiedensten Puppen: Hand- und Stabfiguren, Marionetten, aber auch bis zu drei Meter große Drachenköpfe. "Wir machen alles, was sich auf der Bühne bewegt", erklärt der Künstler. Zu seinen Kunden gehören unter anderem Theater in Berlin, Halle und Zürich. Etwa 1400 unterschiedliche Gestalten wurden in der Werkstatt der Weinholds geboren. Dabei herrscht bei den studierten Theaterplastikern strenge Arbeitsteilung. Während Barbara Weinhold die ersten Ideenskizzen entwirft und später auch die Kleidung näht, schnitzt er jedes einzelne Körperteil und bemalt es auch.

Unterschiedlich ist die "Ausstattung " der Marionetten. Sollen sie beispielsweise in einer Oper mitspielen, werden ihnen nur Fäden an Fingern, Füßen, Po, Hals und Armen befestigt. "Diese Puppen haben eine gewisse Trägheit und brauchen sich nicht so viel zu bewegen", sagt Weinhold. Für "kämpferische Inszenierungen" werden die Figuren zusätzlich mit Stäben gestützt. Einen besonderen Liebling hat er nicht unter seinen "hölzernen Gesellen". Aber manchmal ist er doch ein wenig traurig, wenn er sie weggibt. Deshalb versucht er, bei jeder Premiere dabei zu sein und freut sich auf den Augenblick, wenn die Puppenspieler den Figuren Leben einhauchen. Diese Kombination von Mensch und Figur fasziniert ihn auch so an seiner Arbeit. In den letzten zehn Jahren ist sie vielseitiger geworden. Weinhold hat unter anderem einige Wachsfiguren gestaltet. Seine wohl Berühmteste war in dem inzwischen geschlossenen "Panoptikum" am Kurfürstendamm zu sehen: das Double von Udo Lindenberg.

Auch am ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hat sich der Köpenicker versucht. Doch bevor er ihn irgendwo ausstellt, will er den bekannten Politiker noch einmal überarbeiten. Bis dahin bleibt er im Gästezimmer der Familie und sorgt für Erstaunen der Besucher.

Weinhold selbst gefallen am meisten die robusten Typen. Und er träumt davon, irgendwann Figuren aus einem Stück in dicke Baumstämme zu schlagen. Er würde auch gern einmal mit einer Marionette auf der Bühne stehen. "Am liebsten mit meiner Tochter", sagt er. Denn sie ist Puppenspielerin.

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