Kleinmachnow : Geständnis im Prozess um Kindesentführung

Ein 45-jähriger Familienvater soll eine Vierjährige entführt und von den Eltern 60.000 Euro erpresst haben. Nun hat er sich vor Gericht zu seinen Beweggründen und dem Vorgehen bei der Tat geäußert.

Carsten W. hat zu Beginn des Prozesses gestanden, im Februar eine Vierjährige entführt und ihre Eltern erpresst zu haben.
Carsten W. hat zu Beginn des Prozesses gestanden, im Februar eine Vierjährige entführt und ihre Eltern erpresst zu haben.Foto: dpa

Der Prozess begann mit einem Geständnis: „Es ist richtig, ich habe Karolina entführt“, sagte der Angeklagte Carsten W. am Montag im Landgericht Potsdam. Dem 45 Jahre alten Berliner wird erpresserischer Menschenraub in Tateinheit mit schwerer räuberischer Erpressung vorgeworfen. Er soll am 10. Februar ein vierjähriges Mädchen entführt und von den Eltern 60.000 Euro erpresst haben. Ihm drohen bei einem Schuldspruch mindestens fünf Jahre Haft.
Der Mann schilderte vor Gericht ausführlich seine Beweggründe und sein Vorgehen. Demnach betrieb er in Berlin zwei Geschäfte - eine Confisserie und einen Tierfutterhandel. Beide Läden liefen schlecht, W. häufte Schulden an. Schließlich stand er beim Vermieter mit 20.000 und bei Lieferanten mit 10.000 Euro in der Kreide. Seiner Ex-Frau schuldete er 6.000 Euro Unterhalt für die drei gemeinsamen Kinder. „Und dann stand am 11. Februar der erste Termin beim Gerichtsvollzieher an“, sagte der Angeklagte.
Angesichts dieser Sorgen habe er nach einem Weg gesucht, schnell an Geld zu kommen. Eine andere Straftat als eine Entführung habe er nicht in Erwägung gezogen. Er sei davon ausgegangen, dass er gut mit einem Kind umgehen könne. Die Familie in Kleinmachnow habe er ausgesucht, weil er aufgrund des Hauses und der großen Autos vor der Tür davon ausgegangen sei, dass sie das Geld aufbringen könne.

Die Mutter mit einer Sichel bedroht

Am 10. Februar schließlich fuhr W. nach eigener Schilderung am Morgen mit einem gemieteten Auto samt gestohlenen Kennzeichen zum Haus der Familie. Er zog sich eine Sturmhaube über den Kopf und nahm eine Sichel in die Hand. Als die Mutter mit ihrer Tochter aus dem Haus kam, schnappte er sich Karolina, schickte die Mutter ins Haus zurück und hinterließ einen Zettel mit einer Lösegeldforderung.
Der Mann fuhr anschließend stundenlang mit dem Mädchen im Auto durch Brandenburg. Er hatte Spielzeug dabei und ging auch mit Karolina spazieren. Kurz nach 18.00 Uhr rief er dann die Eltern an und lotste die Mutter zur Geldübergabe nach Fürstenwalde.
Die Mutter warf das Geld schließlich wie gefordert von einer Autobahnbrücke ab. Der Entführer stand zu der Zeit längst unter Beobachtung von Spezialkräften der Polizei. Eine Nachbarin hatte die Entführung morgens beobachtet und die Polizei alarmiert. Nach der Geldübergabe fuhr der Täter zurück nach Kleinmachnow und ließ das Kind nach 13 Stunden frei. Kurz darauf nahm ein Sondereinsatzkommando den Mann fest.

Erstes Staatsexamen als Jurist

Richter Andreas Dielitz brachte bei seinen Nachfragen mehrfach sein Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass sich ein Jurist zu so einer Tat hinreißen ließ. W. hatte nach dem Abitur Jura studiert und das erste Staatsexamen absolviert. Als Jurist arbeiten wollte er aber nach eigenen Angaben nicht.
Er schlug sich mit verschiedenen Jobs durch. Unter anderem war er Manager in Golfklubs. Nach der Geburt seines dritten Kindes ging Carsten W. für gut ein Jahr in Elternzeit. Danach versuchte er sich noch im Tourismus. 2006 schließlich übernahm er die Confisserie, 2008 kam der Tierfutterhandel dazu. Seine Frau sei mit den Geschäften nicht einverstanden gewesen, räumte der Angeklagte ein.
Auch aus anderen Gründen sei die Ehe 2010 geschieden worden. Für die heute sechs, sieben und neun Jahre alten Kinder erhielten beide Eltern das Sorgerecht.
Geboren wurde W. 1966 in Tansania. Dort waren seine Eltern als Entwicklungshelfer tätig. Den Eltern der entführten Karolina schrieb er aus der Untersuchungshaft einen Brief, wie Verteidiger Karsten Beckmann sagte. Sein Mandant bereue die Tat. Seine Schulden stünden in keinem Verhältnis zur Tat. Das werde sich auf das Strafmaß auswirken. Nach Angaben von Beckmann hat W. inzwischen Privatinsolvenz beantragt. (dapd)

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