Kleinmachnow : Kidnapper wollte schnelles Geld machen

Im Februar hatte ein Zehlendorfer Unternehmer in Kleinmachnow eine Vierjährige entführt, um mit dem Lösegeld seine Schulden in Höhe von 36.000 Euro zu begleichen. Jetzt wird ihm der Prozess gemacht.

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Er wolle nichts beschönigen, sagte Carsten W. „Es ist richtig, ich habe Carolina entführt.“ Vor dem Landgericht Potsdam legte der 45-Jährige am Montag ein Geständnis ab. Demnach hat der Zehlendorfer Geschäftsmann aus akuter Geldnot am 10. Februar das vierjährige Mädchen in Kleinmachnow entführt, um 60 000 Euro von den Eltern zu erpressen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm erpresserischen Menschenraub und schwere räuberische Erpressung vor. Das Strafmaß liegt bei fünf bis 15 Jahren.

W. ist ein untersetzter Typ, grünes Hemd, Doppelkinn, schwarze Metallbrille. Keiner, dem man ein schweres Verbrechen zutraut. Vor Gericht schilderte er ausführlich und nüchtern, wie es zu Tat kam – verstehen aber konnte es der Vorsitzende Richter Andreas Dielitz nicht, zumal W. selbst Jurist ist und das erste Staatsexamen hat. „Und das alles für 36 000 Euro“, sagte der Richter mehrfach. So hoch waren die Schulden des Geschäftsmannes, der größte Teil waren Mietschulden für seine Confiserie und einen Tierfutterladen in Zehlendorf, aber auch unbezahlte Rechnungen von Lieferanten und Unterhaltszahlungen für seine drei Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren. Seine Ehe war gescheitert, ein Termin des Gerichtsvollziehers stand bevor. Er habe „schnelles Geld“ machen wollen, um seine Geschäfte zu retten, sagte W.

Schon in der Zeit vor der Entführung schlief W. in seinem Geschäft, später in einer Laube in Kleinmachnow. „Am Anfang waren es nur Gedankenexperimente“, sagt W. In Kleinmachnow spähte er das Haus der Familie K. aus , fand, dass bei neu gebautem Eigenheim mit Spielzeug im Garten und zwei teuren, neuen Autos genügend Geld vorhanden sein müsste. Er suchte sich einen Übergabeort für das Geld an der Autobahn bei Fürstenwalde, schrieb einen Erpresserbrief, besorgte sich Handschuhe, eine Sturmmaske und fand in der Laube eine Sichel. „Ich brauchte eine Tatwaffe.“ Von einem anderen Auto stahl er die tschechischen Diplomaten-Kennzeichen für seinen Mietwagen. Es war der Moment, in dem er merkte, „dass ich zum ersten Mal etwas getan habe, was verboten war“. Aber er hatte „keinen Plan B“, sagte W. „Ich weiß, das war nicht gut überlegt.“

Am Morgen fuhr er vor das Haus der Familie. Als Mutter und Tochter auf dem Weg zur Kita herauskamen, schnappte sich W. mit der Sichel in der Hand das Kind und fuhr davon. Eine Nachbarin alarmierte die Polizei. Mehr als 13 Stunden bangten die Eltern um ihre Tochter. 530 Polizisten waren im Großeinsatz. Erst nach Zahlung des Lösegeldes ließ der Mann das Mädchen in Kleinmachnow am Abend wieder frei. Kurze Zeit später ergriff ihn ein Spezialkommando. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Von dort nahm er Kontakt zu den Eltern auf, hat sich in einem Brief entschuldigt. Im Gerichtssaal verlor er am Montag indes kein Wort der Reue. Sein Anwalt Karsten Beckmann aber sagte: „Könnte er die Zeit zurückdrehen, würde er es tun.“

Beckmann will seine Verteidigungsstrategie auf das Verhalten des Angeklagten gegenüber dem Kind aufbauen. Eine Entführung erschien W. sinnvoller als ein Überfall: „Ich hatte das Gefühl, dass ich aus der Sache rauskomme, ohne den Körper eines anderen verletzen zu müssen.“ Und: „Ich hatte keine Auswahl verschiedener Verbrechen.“ Als Vater dreier Kinder setzte er darauf, mit dem Kind gut umgehen zu können. Er fuhr durchs Brandenburgische, hatte für Essen gesorgt, ein iPad mit Kinderbüchern und Spielen dabei, spazierte mit Carolina im Wald, spielte Verstecken und beobachtete Schwäne mit ihr. Wie es W. schildert, weinte das Mädchen eine Viertelstunde lang, aber er habe sie damit beruhigen können, dass sie am Abend wieder bei ihren Eltern sein werde. „Ich hatte immer das Gefühl, dass ich Carolina ruhig über den Tag schaukeln kann.“ Das Gericht ließ Zweifel an dieser Darstellung erkennen. Für das Urteil wird entscheidend sein, wie das Kind die Entführung verarbeitet hat.

Wie es Carolina heute geht, wird am Mittwoch zur Sprache kommen, wenn neben Polizisten und der Ex-Frau des Angeklagten auch die Eltern von Carolina als Zeugen aussagen. Ein Gutachter wird seine Ergebnisse vortragen. Das Gericht hatte ihn angefordert, eben weil die Tat so unverständlich ist. Es gebe aber keine Hinweise auf eingeschränkte Steuerungsfähigkeit, sagte Verteidiger Beckmann. Ein Urteil wird für Freitag erwartet.

Aus dem Gefängnis heraus hat W. Privatinsolvenz angemeldet. Für ihn ein Abstieg ohnegleichen. In Berlin bewegte er sich einst in besten Kreisen. 1966 wurde er in Tansania geboren, wo seine Eltern Entwicklungshelfer waren. 1998 wurde W. Berliner Golf-Meister, war Manager von Golfklubs in Wannsee und auf Kreta. Er versuchte sich im Tourismus, übernahm 2006 in Zehlendorf die Confiserie und den Tierfutterhandel – ohne Erfolg. Nun steht ihm eine Haftstrafe bevor.

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