Berlin : Kleinunternehmer Seifert fährt täglich mit der "Snack Box" durch Berlin

Jeanette Goddar

Er tut kaum einen Schritt, ohne an seinen Job zu denken. Die Standardfrage: "Wie viele Menschen arbeiten in dem Büro?" stellt der junge Mann mit den kurzen blonden Haaren so ziemlich jedem, den er trifft. Sobald er die Zahl hört, fängt er an zu rechnen. Wie viele Leute essen in wie kurzer Zeit wie viele Schokoriegel...

Seit Mai ist Thorsten Seifert selbstständiger Kleinunternehmer. Täglich reist er mit seiner "Snack Box" durch Berlin und wirbt um neue Kunden. Das Prinzip der Box ist denkbar einfach: In Büros oder Fabriketagen wird die Papp-Box mit den verschiedensten Naschereien aufgestellt; jeder Snack kostet eine Mark, die auf Vertrauensbasis durch einen Pappschlitz geworfen werden soll. Alle paar Wochen kommt der 27jährige vorbei und füllt nach. 70 Boxen hat Seifert bisher erfolgreich aufgestellt - 200 sollen es bis Jahresende sein. Manche Boxen musste er allerdings auch schon wieder zurücknehmen, weil die Kunden entweder nicht naschten oder nicht bezahlten.

Vorher arbeitete Thorsten Seifert jahrelang als angestellter Elektriker. Als die Auftragslage immer schlechter wurde, begann er, sich nach etwas anderem umzusehen. "Ich wollte nicht von heute auf morgen reich werden", sagt er, "es ging viel mehr darum, mein eigener Herr zu sein und ein bisschen Spaß zu haben." Nachdem die Idee geboren und der innere Schweinehund überwunden war, ging Seifert zu "JugendLok", einer Existenzgründerberatung des Trägers "ABS Brücke" in Friedrichshain. Dort half man ihm, ein ausgeklügeltes und wasserdichtes Konzept zu erstellen, mit dem er sich bei Banken und Stiftungen um einen Existenzgründerkredit bewerben konnte.

Seifert hatte Glück: Die IBB-Bank vertraute dem Konzept, das sich sowohl in England als auch in Westdeutschland schon bewährt hat, und gewährte ein Existenzgründerdarlehen von 27.000 Mark. Schließlich mussten die Boxen und ein Lieferwagen gekauft sowie ein Büro gemietet werden.

Gerade junge Leute haben mit einer Existenzgründung meist nicht so viel Glück: Hans-Peter Simon, der zur Zeit noch von Sozialhilfe lebt, bemüht sich seit fünf Jahren, einen Kredit für das Internet-Reisebüro zu bekommen, das nach langem Hin und Her im Oktober an den Start gehen soll - auch wenn er immer noch auf einen Bescheid von der Bank wartet. "Entscheidungen werden ungeheuer schwerfällig getroffen", sagt Simon, "gerade bei jungen Leuten bleibt so viel kreatives Potenzial ungenutzt."

Dabei glauben inzwischen zahlreiche Experten, dass der Weg in die Selbstständigkeit für arbeitslose Jugendliche ein sinnvoller Ausweg sein kann. "Gerade junge Leute haben oft gute Ideen", sagt Sibylle Weisser von der Jobbörse in Prenzlauer Berg, "völlig unabhängig davon, ob sie eine Ausbildung haben oder nicht."

Dabei gehe es oft nicht um teure Unternehmungen, sondern um Kleinstbetriebe, die sich mit zehn- oder zwanzigtausend Mark verwirklichen ließen: T-Shirt-Druckereien, Musik-Labels, Fahrradreparaturwerkstätten, Internet-Agenturen - oft Bereiche, in denen die Jugendlichen nebenbei ohnehin schon arbeiteten.

Laut einer Umfrage der Jobbörse hat jeder zweite Besucher dort Beratungsbedarf in Sachen Existenzgründung. "Wenn man diese Leute anständig berät und ihnen auch nach der Gründung zur Seite steht, ist die Gefahr, dass das Unternehmen scheitert, sicher nicht größer als bei anderen", sagt Weisser.

Bisher sind die Beratungs- und Finanzierungsmöglichkeiten, die sich sozial schwachen Jugendlichen in Berlin bieten, allerdings eher dürftig: Die Jobbörse musste ihre monatliche Existenzgründerberatung mangels Finanzierung einer Stelle schließen. In Friedrichshain bietet "JugendLok" seit Juni vergangenen Jahres als einzige Stelle in Berlin Existenzgründerberatung schwerpunktmäßig für junge Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger an. "Zu uns kommen drei Gruppen von Leuten", sagt die Beraterin Gabriele Albuschewski, "die, die ganz genau wissen, was sie wollen, die mit einer vagen Vorstellung und solche, die 100.000 verschiedene Ideen im Kopf haben."

Zunächst einmal gelte es dann, auszuleuchten, ob der Kunde die notwendigen Voraussetzungen mit sich bringt, einen Betrieb zu leiten. "Es gibt die, denen man einen Kurs in Buchhaltung nahelegt", sagt Albuschewski, "aber auch solche, denen man rät, den Plan zu den Akten zu legen. Und wenn man jemanden davon abhält, bankrott zu gehen, ist das ja auch ein Erfolg."

Auffallend sei aber, wie sehr sich die Sozialhilfeempfänger in den vergangenen Jahren gewandelt hätten. "Viele arbeiten ungeheuer hart daran, wieder beruflich Fuß zu fassen."

Auch für Thorsten Seifert sind die Arbeitstage eher länger geworden, seit er selbstständig ist. Dafür, sagt er, hat er viel mehr Spaß an der Arbeit. Und vielleicht gilt auch für ihn eines Tages, was auf seiner Snack Box geschrieben steht: "....und der Stress hat Pause."Modellprojekt JugendLok Kadiner Str. 17 10243 Berlin Tel./Fax: 030/29341611

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