Klimapolitik : Trotz Klimaerwärmung cool bleiben

Experten sehen im Klimawandel Chancen für Berlin. Sie diskutieren technische und soziale Experimente.

Stefan Jacobs/Gerd Nowakowski

Das Motto der Veranstaltung war trügerisch: „Zwei Grad plus“ ist in diesen Tagen für die meisten eher eine Verheißung als ein Grund zur Sorge. Während sich also draußen der Schnee türmte und drinnen die Brillen der durchgefrorenen Ankömmlinge beschlugen, diskutierten im Energieforum Berlin am Ostbahnhof am Donnerstagabend Experten und Verwaltungsleute vor mehr als 300 Zuhörern darüber, wie die Stadtentwicklung auf den Klimawandel reagieren soll und muss.

Im Mittelpunkt stand der in Arbeit befindliche „Stadtentwicklungsplan Klima“ des Senats, aber die spektakulärsten Zahlen lieferte wieder einmal Hans-Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Während das global anerkannte Ziel von zwei Grad Erderwärmung für Berlin ein Plus von 2,5 Grad bedeuten dürfte, könnte nach dem gescheiterten Gipfel von Kopenhagen auch gelten: plus 3,5 Grad global und plus fünf bis sechs Grad in Berlin. Das würde die Region dramatisch verändern: Zum enorm steigenden Waldbrandrisiko käme das Problem des mangelnden Wassernachschubs, wenn im Sommer der Regen ausbleibt und in der Hitze mehr Wasser verdunstet. Vor allem aber müssten die Bewohner vor der Hitze geschützt werden.

Da sich Berlin ohnehin um die Internationale Bauausstellung (Iba) bewirbt, schlägt Schellnhuber eine „Klima-Iba“ für die gesamte Stadt vor. Was der PIK-Chef auf der Konferenz anstieß, präzisierte sein Kollege Fritz Reusswig im Gespräch mit dem Tagesspiegel: Berlin habe energetisch sanierungsbedürftige Gebäude aus fast allen Epochen einschließlich vieler Denkmäler. In Kombination mit den „geradezu unglaublichen Standorten“ der Flughäfen Tempelhof und Tegel ergebe sich genug Potenzial, um Berlin zum weltweit beachteten Schaufenster für den Stand der Technik zu machen. Und das „nicht nur mit technischen, sondern auch mit sozialen Experimenten“. Beispiel könnte ein lokaler Emissionshandel sein – nach dem Motto: Als umweltbewusster Mensch kann ich meinem klimaschädlich lebenden Nachbarn ein paar CO2-Zertifikate verkaufen. „Freiwillig und keinesfalls von oben verordnet“ müsse so etwas zustande kommen, sagt Reusswig. „Und wenn es schiefgeht, verwirft man es halt.“

Neben der Frage der CO2-Vermeidung drängt sich zunehmend die nach der Anpassung an den Klimawandel auf. Stadtentwicklungsstaatssekretärin Maria Krautzberger kündigte für die Stadtplanung „klimaaktives Verhalten“ mit Dach- und Fassadenbegrünung, besserer Dämmung und gezielter Schattenbildung durch entsprechende Ausrichtung von neuen Gebäuden an. Auch die Frage, wo die Stadt noch weiter verdichtet werden darf, müsse geprüft werden. Reiner Nagel von der Stadtentwicklungsverwaltung hofft, dass der Berliner Klima-Plan im Laufe dieses Jahres öffentlich diskutiert und dann von Senat und Abgeordnetenhaus beschlossen wird. Gravierende Vorschriften für die Bürger seien nicht geplant.

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