Klimawandel : Die heißesten Sommer kommen erst

Sengende Sonne, tropische Nächte, schwere Gewitter: Der Wetterdienst erforscht zurzeit im Auftrag des Senats, wie der Klimawandel sich auf die Stadt auswirkt und was zu tun ist.

Stefan Jacobs
sommer in berlin
Sengende Sonne, tropische Nächte, schwere Gewitter: Die heißesten Sommer kommen erst noch. -Foto: dpa

Für einen Jahreshitzerekord haben die 33 Grad am 7. August am Alex nicht ganz gereicht: Am Freitag davor war es noch zwei Grad wärmer. Aber der Tag hat wieder einmal gezeigt, dass es im Sommer unangenehm werden kann für alle, die solche Tage nicht am Badesee oder in klimatisierten Räumen verbringen können. Bisher gibt es pro Jahr etwa zehn Tage mit mehr als 30 Grad. Durch den Klimawandel dürfte sich diese Zahl in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln, schätzt der Deutsche Wetterdienst (DWD). Also drei Wochen Hitze Jahr für Jahr. Wenn es so heiß ist wie Anfang August, wird es für alte und für körperlich arbeitende Menschen nicht nur unangenehm, sondern gefährlich. Denn in der Großstadt kann sich der Klimawandel viel stärker auswirken als auf dem platten Land.

Als Hauptproblem gilt der Trend zu stabilen Hochdruckwetterlagen mit sommerlicher Hitze. Denn das aufgeheizte Häusermeer kühlt nachts kaum aus. In Zahlen: Während es am 7. August bei Sonnenaufgang im relativ grünen Dahlem 14,2 Grad und in Schönefeld 15,2 Grad waren, wurden in Mitte schon 18,6 Grad gemessen. Da fehlte nicht mehr viel zu einer sogenannten Tropennacht, in der es nicht unter 20 Grad abkühlt. In solchen Nächten regeneriere sich der Körper schlecht, so dass man sich am Morgen fast zwangsläufig wie gerädert fühle, sagt Gerhard Lux vom DWD. Das dürfte auch Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der Menschen haben. Wird künftig in Berlin – wie am Mittelmeer – in der Mittagshitze Siesta gehalten?

Der Wetterdienst erforscht zurzeit im Auftrag des Senats, wie der Klimawandel sich auf die Stadt auswirkt und was zu tun ist. Ergebnisse liegen noch nicht vor, aber einige Trends lassen sich schon aus vorhandenen Daten ablesen. So ist die Temperatur in Berlin seit 1901 um ein ganzes Grad auf ein Jahresmittel von 9,1 Grad gestiegen. Zum Vergleich: In Brandenburg wurde es 0,8 Grad wärmer; das Mittel liegt bei 8,7 Grad. Und während die Niederschlagsmenge im Winterhalbjahr seit 1948 um etwa zehn Prozent gestiegen ist, ging sie im Sommer um zehn Prozent zurück. Weil durch die höheren Temperaturen auch mehr verdunstet, ist diese Verschiebung viel kritischer als sie auf den ersten Blick scheint. Und wenn es im Sommer regnet, dann in kurzer Zeit mehr als genug: Die Zahl der schweren Gewittergüsse hat sich ebenfalls bereits verdoppelt. Was das bedeuten kann, zeigte sich im vergangenen Sommer, als regelmäßig manche Innenstadtkieze unter Wasser standen, weil die Kanalisation die plötzlichen Fluten nicht fassen konnte.

Die aufgeheizte Stadt kann auch zur Unwetterküche werden: Staubteilchen aus Abgasen dienen als Kondensationskerne, an denen Wassertropfen wachsen. Aufsteigende Warmluft türmt die Wolken zusätzlich auf. Je wärmer die Luft, desto mehr Feuchtigkeit kann sie aufnehmen – und wehe, wenn dann eine Kaltfront kommt. Vielleicht werden wir diesen Effekt just heute erleben.

Bei windstillem Wetter sieht DWD-Experte Gerhard Lux den fehlenden Luftaustausch als Hauptproblem: Zwar entsteht durch den Temperaturunterschied zum Umland nachts leichter Zug, „aber die Luft ist träge wie Honig“. Eine hohe Baumreihe oder ein Gewirr aus hohen Häusern kann die ganze Frischluftwalze stoppen. Die frische Brise vom Land verliert sich im Häusermeer. Das alles müsse bei der Stadtplanung bedacht werden, sagt Lux. „Aber da geht es oft eher um wertvolles Bauland als um klimatologische Aspekte.“ Die Städte seien in einem Dilemma – und der DWD könne sie zwar beraten, aber nicht entscheiden.

Dass der Senat das Thema ernst nimmt, zeigt sich bei den Plänen für den Flughafen Tempelhof: Das Zentrum der Fläche soll frei bleiben – als Kaltluftschneise.

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