Berlin : Klingeltöne und Schweiß

Woran die Experten auf der Popkomm erkennen, aus welchem Lied demnächst ein Hit wird

Sebastian Leber

Die Zahl des Tages heißt 3,9 Prozent. Um soviel sind die Umsätze der Musikbranche im August im Vergleich zum Vorjahresmonat gewachsen. Das freut die Fachbesucher am Eröffnungstag der Popkomm, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) vernimmt bereits „zarte Klänge der Hoffnung“.

Die Deutschen wollen also wieder mehr Musik kaufen – aber welche Musik eigentlich? Welche Bands sind in Zukunft angesagt? Das lässt sich „nur schwer vorhersagen“, sagt Nadja Benaissa, früher Mitglied der No Angels und auf der Popkomm unterwegs, um ihre Solo-Single zu promoten. Vorhersagen seien eher kurzfristig möglich: Bald beginne das Weihnachtsgeschäft – „da ist Herzschmerzmusik angesagt.“ Langfristig glaubt Nadja an eine „Rückkehr zur akustischen Musik, zu mehr Blues und Soul.“ Nicht weit davon entfernt liegt die Prognose von MTV-Moderator Patrice. Seiner Meinung nach könnte die blinde Sängerin Joana Zimmer aus Charlottenburg im nächsten Jahr „die Stimme schlechthin“ werden. Die Frau habe Talent, außerdem sei sie „jung, da verkauft sie auf jeden Fall schon mal viele Klingeltöne“.

Klingeltöne werden in der Branche immer wichtiger, das weiß auch Silke Lotsch von Media Control. Die Firma sammelt jede Woche die Verkaufszahlen des Musikhandels und erstellt daraus die Charts. Lotsch sieht einen „regelrechten Boom“ bei Klingeltönen und legalen Musikdownloads aus dem Internet und hofft auf den Erfolg der neuen „Dual Disc“ – auf der einen Seite CD, auf der anderen DVD. An technische Neuerungen glaubt auch Tim Renner, Branchenexperte, Buchautor und Chef des Berliner Radiosenders „Motor FM“: „In Zukunft können wir Musik an jedem Ort, immer und sofort hören.“ Um einen Vorgeschmack darauf zu geben, hat Renner an seinem Popkomm-Stand einen kleinen Sender installiert: Wer dort steht und die „Bluetooth“-Taste seines Handys drückt, bekommt automatisch die Musik von Motor FM aufs Telefon geladen.

Welche Musikrichtungen in Zukunft in Mode kommen, kann auch Renner nicht sagen. Ein paar Bandnamen hat er aber schon parat: Die Berliner Gruppe „Hund am Strand“ zum Beispiel, über die redeten doch jetzt schon alle. Und dann die fünf Briten von Chikinki, an denen komme bald auch keiner mehr vorbei. „Da kann ich nur zustimmen“, sagt Raik Hölzel von der kleinen Berliner Plattenfirma Kitty-Yo. Kein Wunder, die Rockband steht bei ihm unter Vertrag.

Das Geheimnis von Chikinki? Die Menschen sehnten sich nach Bands, die sich auf der Bühne anstrengen und „bis zur Schmerzgrenze“ gehen: „Ich glaube, das Zeitalter des Schweißes ist angebrochen.“ Das gelte übrigens auch für elektronische Bands – die hätten in den letzten Jahren live nur hinter ihren Computern gestanden und gewirkt, als wollten sie „Online-Banking machen und Mails checken.“

Die Messe richtet sich nur an Fachbesucher, das Rahmenprogramm an alle. Infos unter www.popkomm.de.

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