Berlin : Klinik für die Kleinsten

Die Sechslinge haben Tag für Tag bessere Chancen Frühgeburten sind fürs Virchow-Klinikum Routine

Tanja Buntrock

Fast eine Woche sind die am vergangenen Donnerstag geborenen Sechslinge nun alt – und jeder weitere Tag erhöht die Überlebenschance der Winzlinge. Zwar wollten die Ärzte im Virchow-Klinikum der Charité auch gestern auf Wunsch der Eltern nichts zum Zustand der sechs Frühchen sagen. Auch zur Familie ist in der Klinik nichts zu erfahren. Doch sicher ist: Die Neugeborenen sind in guten und sehr professionellen Händen.

Das Geburtszentrum und die Frühgeborenen-Versorgung des Virchow-Klinikums bilden das größte Zentrum seiner Art in Deutschland. 3500 Geburten zählt das Klinikum pro Jahr. Im vorigen Jahr wurden dort 160 Frühchen behandelt. Die Mediziner sind spezialisiert auf Risikoschwangerschaften. Dazu gehören neben Mehrlingsgeburten beispielsweise auch Mütter, die HIV-infiziert oder drogenabhängig sind. Die Klinik ist ausgestattet mit speziellen Geräten für sehr kleine Frühgeburten unter 1500 Gramm sowie für Säuglinge mit Herzfehlern und anderen Fehlbildungen, zum Beispiel einem Wasserkopf.

Die Sechslinge waren – wie berichtet – am vorigen Donnerstag nach der 27. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Die vier Mädchen und zwei Jungen wogen zwischen 800 und 900 Gramm. Die Überlebenschance für Frühchen unter 1000 Gramm liegt statistisch gesehen bei 85 Prozent. „Im Virchow-Klinikum haben im vorigen Jahr aber 97 Prozent der Frühchen überlebt“, erzählt eine Kliniksprecherin.

Nun gilt es, die zu früh zur Welt gekommenen Sechslinge aufzupäppeln. Weil die Winzlinge noch nicht selbst schlucken können, bekommen sie abgepumpte Muttermilch über einen Schlauch direkt in ihren Magen gepumpt – und zwar zwölf Mal am Tag einen Milliliter. Die Menge wird langsam gesteigert: Schon in vier Wochen sollen es zwölf mal zehn Milliliter sein. Ab der 32. Woche kann eine Mutter von Frühchen versuchen, ihre Kinder selbst zu stillen.

Die gesamte Geburt der Sechslinge hat nur 30 Minuten gedauert – die Kleinen kamen im Minutentakt zur Welt. Rund 18 Geburtshelfer sollen insgesamt damit beschäftigt gewesen sein, sich um die Frühchen zu kümmern.

Doch nicht nur die Geburt ist für eine Mutter von Mehrlingen belastend, sondern vor allem die Schwangerschaft. Hier besteht für die Mutter die Gefahr von Eisenmangel, Blutarmut, einem Blutgerinnsel oder auch Atemproblemen, weil die Mehrlinge auf die Lunge drücken. Häufiger kommt es schon im Frühstadium der Schwangerschaft zu starkem Erbrechen. Manche Frauen müssen deshalb sogar stationär aufgenommen werden. Werden die Kleinen im Mutterleib größer, drücken sie gegen Magen und Zwerchfell. Manche Frauen werden gegen Ende der Schwangerschaft richtig kurzatmig, so dass schon die täglichen Dinge schwer von der Hand gehen. Viele Frauen können gegen Ende der Schwangerschaft nur noch kleine Portionen essen, weil die Babys auf den Magen drücken. Auch unter Blasenbeschwerden und Verstopfung leiden Mehrlings-Mütter häufiger.

Gefährlich bei Mehrlingsschwangerschaften ist eine sogenannte Schwangerschaftsvergiftung. Diese kann sich durch Bluthochdruck, Übelkeit, starke Ödeme oder Eiweißausscheidung im Urin äußern. Damit solche Risiken rechtzeitig erkannt werden können, ist eine sehr engmaschige medizinische Betreuung bei Mehrlingsschwangerschaften besonders wichtig. Tanja Buntrock

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