Berlin : Klinik-GmbH: Vivantes ringt um Sanierungskonzept

Amory Burchard

Die Berliner Krankenhaus-GmbH Vivantes kämpft ums Überleben. Seit gestern tagt die Strukturkommission und berät ein möglicherweise brisantes Konzept, das am Montag vorgestellt werden soll. In den fusionierten ehemals städtischen Krankenhäusern ist die Stimmung bis zum Äußersten angespannt. Die Szenarien reichen von der Gewissheit, dass Spezialabteilungen zusammengelegt werden, bis zu Gerüchten um weitere Klinik-Schließungen.

So wird über die Schließung des Wenckebach-Krankenhauses in Tempelhof spekuliert, auch eine Zusammenlegung mit dem Auguste-Viktoria-Krankenhaus ist im Gespräch. Vivantes-Geschäftsführer Wolfgang Schäfer allerdings hat bislang nur von einem "Abbau von Doppelangeboten" gesprochen. Spezialleistungen sollten dort konzentriert werden, "wo sie am besten und günstigsten erbracht werden können".

Was die Krankenhaus-GmbH konkret vorhat, darüber kursieren viele Zahlen - und viele Gerüchte. So spricht der Betriebsratsvorsitzende des Krankenhauses Neukölln, Volker Gernhardt, von rund 170 Millionen Mark Schulden, die die defizitären Einzelhäuser in die neue Gesellschaft eingebracht haben. Monatlich sollen mindestens 15 Millionen Minus hinzukommen; der Kreditrahmen von 360 Millionen Mark zu 93 Prozent ausgeschöpft sein. Schlussfolgerung von Gesundheitsexperten: Wenn es der Geschäftsführung nicht gelingt, noch in diesem Jahr 100 bis 150 Millionen Mark einzusparen, droht die Zahlungsunfähigkeit.

Wie Vivantes sich retten will, lässt die Geschäftsführung bis Montag offen. In einer Pressemitteilung heißt es lediglich, der Betrieb müsse umstrukturiert werden, damit er "nicht nur das bundesweit größte, sondern auch ein führendes Unternehmen im Gesundheitssektor" werden könne. Dabei wird die schwierige Finanzlage nicht verhehlt. Beklagt wird vor allem, dass das Land Berlin der GmbH die Krankenhäuser mitsamt ihrer Defizite übergeben hat. Eine Eröffnungsbilanz der GmbH liegt nicht vor, angeblich hakt es bei den Wirtschaftsprüfern.

Erste Sparmaßnahmen stehen bereits fest. Der Einkauf der Kliniken wird zentralisiert und an einen privaten Anbieter vergeben. "Größe und Wirtschaftsmacht" des Fusionsbetriebes sollen die Kosten erheblich drücken. Außerdem ist die Gründung von Tochterfirmen für die Material- und Gebäudeverwaltung geplant. Der Neuköllner Betriebsrat Gernhardt befürchtet indes auch Einschnitte im medizinischen Bereich. Es sei geplant, die Liegezeiten erheblich zu verkürzen, damit Betten abgebaut werden können. In Neukölln sollen es 200 von heute 1300 sein. "Das geht völlig an den Patienten vorbei", sagt Gernhardt. Die Berliner seien kränker und ärmer als andere. Gernhardt kritisiert, dass der Einstellungsstopp in allen Kliniken wahrscheinlich bestehen bleibt und Zeitverträge nicht verlängert werden sollen. In der Folge müssten in den nächsten Monaten ein Viertel der Mediziner und allein in Neukölln bis zu 40 Schwestern und Pfleger gehen. "Das bedeutet den Pflegenotstand". Mario Czaja, Gesundheitsexperte der CDU, sieht schon jetzt eine Notsituation auf den Stationen. Seit der Gründung der GmbH sei der Krankenstand von 15 auf 25 Prozent angestiegen. Wegen der Zukunftsängste sei der "Verfall der Arbeitsmoral" enorm.

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