Berlin : Klinik im Schock

Mediziner und Patienten rätseln über das Motiv von Irene B. – Nachbarn sehen in ihr keine Mörderin

Tanja Buntrock,Stefan Jacobs

In der Lobby des Charité-Hochhauses ist am Tag danach für viele Patienten der Zeitungskiosk die erste Anlaufstelle: Schon am Vormittag sind die Boulevardblätter mit ihren Titeln wie „Der Todesengel von der Charité“ und „Drei Patienten ermordet?“ vergriffen. Doch die befragten Patienten wollen das, was hier im Haus geschehen ist, im Gegensatz zu den Justizbehörden nicht „Mord“ nennen. Zwei Tötungen hat die am Mittwochabend auf ihrer Station festgenommene Krankenschwester Irene B. gestanden, die Akten zu 15 weiteren Todesfällen hat die Charité nach eigener Auskunft an die Staatsanwaltschaft übergeben. Das Entsetzen über das Geschehene ist weniger bei den Patienten zu spüren als bei den Kollegen der 54-Jährigen. Ein Chirurg sagt, es werde „viel diskutiert, die Stimmung ist schlecht, die Sache sehr ernst“. Er wirkt erschüttert. Ein junger Pfleger sagt, es sei schlimm für alle. Anders als manche Patienten will er keine Rechtfertigung suchen, weist Worte wie „Erlösung“ als mögliches Motiv weit von sich.

Für andere deutet manches daraufhin, dass Irene B. das Leiden der beiden unheilbar herzkranken Patienten verkürzen wollte. In der Mittelbruchzeile in Reinickendorf, einer ruhigen Mehrfamilienhaussiedlung, haben die Nachbarn sich nach dem Ansturm der Boulevardjournalisten am Vortag abgeschirmt. Zettel hängen an den Türen: Medienkontakt unerwünscht. Eine Nachbarin soll zuvor berichtet haben, Irene B. habe großen Anteil am Schicksal der krebskranken Schwester einer Freundin genommen. Sie habe sie besucht und über das Elend Schwerstkranker gesprochen. Eine 30-Jährige, zwei Etagen über Irene B., möchte noch etwas klarstellen: „Sie ist wirklich ein lieber Mensch. Niemals würde sie absichtlich jemanden töten“, erzählt die blonde Frau. Irene B., die geschieden ist und allein in einer Zweizimmerwohnung lebte, habe immer ein offenes Ohr gehabt für ihre Nachbarinnen. „Hier haben mehrere Frauen hintereinander Babys bekommen, und Frau B. hat sich immer erkundigt, wie es uns geht. Zur Geburt hat sie mir Babykleidung geschenkt“, sagt die Nachbarin. Bei einer so „herzensguten und für ihr Alter ganz flotten Frau“, wie sie sagt, könne man sich nicht vorstellen, dass sie ihren Job als Pflegekraft genutzt hat, um zu töten – zumindest nicht ohne das Einverständnis der Patienten. „Ich würde sie gern im Gefängnis besuchen.“

Irene B. habe sich während ihrer Befragungen mittlerweile auch zu ihrem Motiv geäußert, sagte ein Justizsprecher. Details nannte er aber nicht. Ob die Patienten, die sie getötet haben soll, ansprechbar waren und ihren Todeswunsch hätten mitteilen können, auch dazu ist von der Staatsanwaltschaft nichts zu erfahren.

Auch das Klinikpersonal der Charité hält sich am Freitag mit Kommentaren zurück. Vor der verschlossenen Stahltür zur Intensivstation 104i im dritten Stock im Bettenhochhaus hält ein Wachmann Neugierige zurück. Er dürfe nichts sagen, erklärt er freundlich. Eine Ärztin spricht schließlich doch: „Ich bin jedes Mal froh, wenn ich aus der 104i raus bin.“ Der Umgang mit den sterbenskranken Menschen dort, von denen viele keine Heilungschancen hätten, könne seelisch extrem belasten. Sie selbst habe Irene B. seit zehn Jahren gekannt und gemocht. Jetzt grüble jeder über frühere Äußerungen der Täterin, aber da sei nichts, worauf man sich einen Reim machen könne. Was bleibt, ist Fassungslosigkeit: „Auf der Station sind alle total geschockt.“

Eine Etage tiefer, am Ende eines langen Flurs, sitzen die Krankenhausseelsorger der Charité. Christa Braun, Pfarrerin und Psychologin, will sich vor einer Rechtfertigung ebenso hüten wie vor einer schnellen Erklärung. Aber sie formuliert, was Laien vielleicht nur als vages Bauchgefühl empfinden: Pfleger von schwierigen Stationen sind gezwungen, sich mit dem Sterben zu befassen, sagt sie. „Aber sie haben kaum Zeit, in Ruhe darüber nachzudenken.“ Krankenhäuser seien „vom Selbstverständnis her keine Orte des Sterbens, sondern des Heilens“, und die Gesellschaft lehre niemanden, „das Sterben zu ertragen – also zu erleben, wie ein Mensch immer weniger wird“.

Die Beschleunigung des Klinikbetriebs während der vergangenen Jahre sei deutlich spürbar, sagt die Seelsorgerin: Das Pflegepersonal habe immer mehr zu tun und müsse sich auf Patienten einstellen, die immer kürzer im Krankenhaus blieben – und oft schwerer krank seien als früher. Das Dilemma beginne beim wegen der Praxisgebühr hinausgezögerten Arztbesuch und höre bei der aufgeschobenen Operation aus Angst um den Job noch lange nicht auf. Hinzu kämen harte Arbeitsbedingungen für Pfleger und Ärzte.

Andere in den Gängen des 20-Etagen- Hochhauses äußern sich ähnlich: Ein Patient aus Reinickendorf sagt, er komme gerade wegen des Personals hierher. Er habe Stimmlippenkrebs, der sich dank der freundlichen Krankenschwestern in der Charité zumindest ein bisschen besser ertragen lasse. Und die Friseurin im Erdgeschoss erzählt, dass ihre Kunden oft laut über das Sterben kranker Angehöriger nachdächten – aber niemand deshalb ein böses Wort über die Schwestern verliere.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar