Klinikhygiene : Händewaschen allein reicht nicht aus

Nach dem Tod dreier Säuglinge im Mainzer Universitätsklinikum durch verunreinigte Infusionen rückt ein Thema in den Vordergrund: Hygiene in Krankenhäusern. Klaus-Dieter Zastrow, Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin beim Berliner Vivantes-Klinikkonzern, weiß, wie wichtig die richtige Desinfektion ist - und worauf man achten sollte.

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Der folgende Artikel ist auf dem Kliniksuchportal www.gesundheitsberater-berlin.de von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin erschienen. Über die Volltextsuche dort kann man sich direkt über verschiedene Qualitätsindikatoren an verschiedenen Kliniken informieren und beispielsweise die Anzahl der Wundinfektionen nach Eingriffen vergleichen.

Es war der Tag der Saubermänner: Am 22. Oktober 2008 erfuhren Klinikmanager, Politiker, Ärzte, Schwestern und Pfleger, was porentief rein bedeutet. Die Weltgesundheitsorganisation hat den Termin zum Aktionstag Saubere Hände ausgerufen. Und will damit auf ein Problem hinweisen, dass in den Krankenhäusern weltweit zu einem immer größeren Risikofaktor wird: Gefährliche Mikroben, die auf Klinikfluren, Instrumenten und eben auf den Händen von Ärzten und Pflegepersonal zu einer tödlichen Gefahr für die Patienten werden. Und wie man sie bekämpfen kann, am wirkungsvollsten mit regelmäßig desinfizierten Händen nämlich. Ein richtiges Event war das in manchen Häusern. UV-Lampen machten dort die Kolonien der Bazillen auf der Haut von Besuchern und Personal sichtbar – für manche ein Schockeffekt und für die meisten am nächsten Tag vergessen.

Desinfektion vor jedem Patientenkontakt

Klaus-Dieter Zastrow, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, findet den Titel des Aktionstages etwas daneben. „Die meisten denken doch dabei an regelmäßiges Händewaschen. Doch das ist die falsche Botschaft.“ Dabei gehe es um Desinfektion, und zwar häufige Desinfektion. Vor jedem Patientenkontakt. Ein Spender für Desinfektionsmittel muss im Krankenhaus immer in unmittelbarer Nähe sein. „So ein Spender kostet 30 oder 40 Euro. So was massenhaft zu kaufen, das macht Sinn.“ Und sie an den richtigen Stellen aufzuhängen. Oft sind die Spender über dem Waschbecken in den Patientenbädern befestigt. „Doch da nützen sie wenig, weil man schnell vergisst, sie zu benutzen“, sagt Zastrow. Neben das Bett, da gehören die Dinger hin.
Klaus-Dieter Zastrow ist auch der oberste Hygieniker des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes. Leute wie er galten zu früheren Zeiten als Störfaktor im Klinikbetrieb. So mancher Chefarzt brummte: „Ich bin Chirurg, ich muss operieren können. Hygiene interessiert mich nicht.“ Und die Ökonomen ließen ihre vermeintlichen Saubermänner wissen: „Hygiene – kostet bloß Geld und bringt wenig Nutzen.“

Infektionen wegen mangelnder Hygiene im Krankenhaus gelten als Kunstfehler

Die Zeiten haben sich geändert. Zastrow, 58 Jahre alt, ein stämmiger Berliner mit grauem Haar und gutmütigem Gesicht, kann inzwischen ein demonstratives Selbstbewusstsein zeigen. Er und seine Mitarbeiter ersparen nicht nur manchem Kranken eine langwierige und schmerzhafte, mitunter tödliche Infektion, sie sparen auch Kosten. Seit wenigen Jahren gelten in Deutschland Fallpauschalen, das heißt, die Klinik bekommt eine feste Summe pro behandelter Krankheit – egal, wie viele Tage der Patient bleibt. Je länger er das Bett hütet, desto weniger verdient die Klinik an ihm. Studien haben gezeigt, dass Patienten, die sich eine Infektion der Operationswunde zuziehen, im Schnitt 7,3 Tage länger in der Klinik bleiben müssen. Wer sich im Krankenhaus mit einer Lungenentzündung ansteckt, muss sechs Tage länger bleiben.
Die Autoren einer Studie im Vivantes Klinikum am Friedrichshain haben berechnet, dass die Behandlung eines Patienten, der sich im Krankenhaus mit einem multiresistenten Erreger (MRSA) infiziert hat, im Schnitt 11.000 Euro kostet. Dem stand ein Erlös von den Krankenkassen von 3000 Euro gegenüber – ein reines Verlustgeschäft also.
Die billigste Lösung ist: „Hören Sie auf Ihren Hygieniker.” Die teuerste Konsequenz: ein Prozess. Denn Infektionen wegen mangelnder Hygiene im Krankenhaus gelten als Kunstfehler. Und Schadenersatz zahlen zu müssen, kann sehr teuer werden.
Das macht den Job des Hygienikers leichter. Jetzt sagen selbst Chefärzte mal: „Zastrow, komm mal vorbei und guck nach, wieso unsere Patienten hier so oft eine Infektion haben.“

Gefährliche Keime

MRSA, der multiresistente Staphylococcus aureus, ist eine der widerwärtigsten Klinikmikroben überhaupt. Er überlebt fast jedes Antibiotikum. Die einzigen Gegenmaßnahmen sind Basishygiene und Kontaktisolation des Kranken. Dann hängen Ärzte Zettel an Zimmertüren mit vielen Ausrufezeichen – „Isolation!! Kittel! Handschuhe! Händedesinfektion beim Verlassen!“ – und stellen kleine Wägelchen davor mit Einmalhand- schuhen, Kitteln und Desinfektionsmitteln.
Gefährlich sind in Krankenhäusern aber auch die sogenannten Legionellen, die sich im Wasser vermehren und bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem eine lebensgefährliche Lungenentzündung auslösen können. Spezialfilter unter dem Wasserhahn könnten helfen. Der Filter sieht aus wie eine umgedrehte blaue Plastiktasse. Zwei Wochen ist der Filter haltbar. Dann muss ein neuer her – Kosten: 20 Euro das Stück. Das kann sich ein Klinikum nicht für jeden von tausenden Hähnen leisten. Da kommen schnell Millionenkosten zusammen.
Auf den ersten Blick erscheint Zastrows Kampf paradox. Krank werden im Krankenhaus? Doch dieses Schicksal trifft jährlich hunderttausende Menschen. Von den rund 18 Millionen Patienten, die 2005 in deutschen Krankenhäusern behandelt wurden, erlitten bis zu sechs Prozent eine nosokomiale Infektion, das ist der Fachbegriff für die Ansteckung mit Klinikkeimen. Das sind zum Beispiel Harnwegsinfektionen oder entzündete Operationswunden, Atemwegserkrankungen oder gar eine Sepsis, eine Blutvergiftung, die zu Nierenversagen und zum Tod führen kann.
Die Erreger schleppen andere Kranke ins Haus, aber auch Besucher und das Personal. Denn was für sie ungefährliche Mikroorganismen sind, kann für einen immungeschwächten Klinikpatienten zur tödlichen Gefahr werden.
Mit konsequenter Vorsorge ließen sich die Ansteckungszahlen um 30 Prozent verringern. „So ein Erfolg ist bei keiner anderen Infektionskrankheit zu erreichen“, sagt Zastrow.

Auch die Klimaanlagen von OP-Sälen werden überwacht

In Zastrows Abteilung arbeiten 14 Leute daran: zwei Fachärztinnen für Hygiene, elf Fachschwestern, die für diese Arbeit eine einjährige Zusatzausbildung benötigen, und der Chef, der nur in besonderen Fällen direkt auf die Stationen geht. In den neun Vivantes-Kliniken haben sie gut zu tun. Regelmäßige Begehungen zum Beispiel. Zastrow legt eine Checkliste auf den Tisch, die die Hygieneschwestern abarbeiten: Sind die Händedesinfektionsspender aufgefüllt? Trägt das Personal die Dienstkleidung? Sind die Infektionserfassungsbögen ausgefüllt? Letzteres ist Zastrow besonders wichtig: „Jede Klinikinfektion muss dokumentiert werden – und der ausgefüllte Meldebogen geht per Fax an uns.“ Wenn solche Fälle irgendwo gehäuft auftreten, kommt Zastrow unangemeldet auf die Station und sucht nach Gründen. Könnte ja sein, dass ein Pfleger beim Verbandswechsel regelmäßig etwas falsch macht und so Patienten infiziert. Etwa, weil er sich nicht jedes Mal, bevor er einen Patienten berührt, die Hände desinfiziert.
Die Hygienefachleute überwachen auch die Klimaanlagen in den Operationssälen. Die sind zwar wichtig, damit nicht etwa ein Schweißtropfen des Arztes, der sich gerade über den Patienten beugt, mit gefährlichen Bazillen in die Wunde tropft. Andererseits muss die kühle Luft keimarm sein. Während der Prüfung sind die OP-Säle gesperrt, weiter operiert werden muss aber trotzdem. Also wird alles von langer Hand geplant.
Keiner murrt deswegen. Und wenn doch, würde Zastrow wohl diesen Satz sagen: „Hygiene ist Teil des ärztlichen Handelns – ohne Wenn und Aber.“

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