Berlin : Klinikum Buch: Die Stadt der Gesundheit

Annekatrin Looss

Das Klinikum Buch ist zweifellos eines der romantischsten Krankenhäuser in Berlin: schattige Alleen, wilde Hecken und teilweise jahrhundertealte Bäume auf den weiten Rasenflächen lassen den Besucher hier fast die Zeit vergessen. Großzügig versah der damalige Stadtbaurat Ludwig Hoffmann das Gelände mit figurengeschmückten Brunnen, Putten und Pavillons, die Häuser mit Säulengängen und Reliefs. Nicht zuletzt die weinbewachsenen Fassaden der fast 100 Jahre alten Gebäude lassen die wechselvolle Geschichte des Klinikums im Nordosten Berlins erahnen, die jetzt mit dem Verkauf an den Klinikbetreiber Helios ein neues Kapitel erhält.

Am 1. April 1906 als III. Städtische Irrenanstalt eröffnet, prägte der Komplex mit einer Kapazität von 1500 Betten fortan das Bild des Dorfes Buch, das damals gerade 400 Einwohner hatte. "In die dörfliche Einsamkeit, deren Reizlosigkeit nur durch den prachtvollen Park mit dem alten Herrenhaus unterbrochen wird, hat Ludwig Hoffmann eine Stadt hingezaubert, die durch ihre Anordnung und ihre Architektur die Besucher verblüfft. Da ist nichts von jenem düsteren Aussehen, das an Stätten des Kummers und des Elends gemahnt. Überall heitere, erfreuende Formen und Farben, überall Licht und Weite", schrieb die Vossische Zeitung über die neueröffnete Anstalt. Die Innenarchitektur dagegen war mit Krankensälen für meist 12 bis 15 Personen und Kammern fürs Personal in den Dachgeschossen für die damalige Zeit typisch.

Die IV. Städtische Irrenanstalt in Buch mit 1200 Betten, deren Bau 1909 begonnen wurde, musste schon vor ihrer endgültigen Fertigstellung im August 1914 als Reserve-Kriegslazarett zur Verfügung gestellt werden und wurde nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in eine Kinderheilanstalt umgewandelt. Mit der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 begann auch in Buch eines der dunkelsten Kapitel. Im Zuge der "Säuberung des Gesundheitswesens von Marxisten, Juden und anderen unliebsamen Elementen", wie es im Nazi-Jargon hieß, wurden zunächst zahlreiche Mitarbeiter entlassen. Die Leitung des Krankenhauses übernahmen NSDAP-Mitglieder. Das Pathologische Institut und das Hirnforschungsinstitut in Buch wurden in den Dienst der Familienforschung gestellt, was vor allem eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Zwangssterilisation und Tötung "Erbkranker" bedeutete. Bevor die Kranken- und Heilanstalt Buch am 1. November 1940 offiziell geschlossen wurde, sind mit 44 Sammeltransporten 2852 Patienten in die Anstalten des Umlandes gebracht worden, 420 davon nach "unbekannt", was eine Verlegung in eine Tötungsanstalt bedeutete.

Nach dem Krieg nutzte die sowjetische Armee das Gelände als zentrales Lazarett. Nach Rückgabe an die deutschen Behörden wollte die Ost-Berliner Gesundheitsverwaltung die Bucher Kliniken in das größte und modernste Krankenhaus Europas umwandeln. Die Umstrukturierung war jedoch schwieriger, als man es sich am Grünen Tisch ausgemalt hatte und wurde nur bruchstückhaft umgesetzt: Weder wurden die Häuser durch eine Rohrpostanlage verbunden, noch wurde ein moderner Operationstrakt errichtet. Zwar war das Klinikum jetzt das quantitativ größte in Europa, in den einzelnen Kliniken aber blieb es beim Alten.

In den 70er Jahren wurden die Bucher Krankenanstalten durch zwei Neubauten ergänzt: die Spezialklinik Berlin-Buch des Ministerrates und die unmittelbar daneben errichtete Klinik des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Spezialklinik sollte "eine medizinische Betreuung des vom Auftraggeber ausgewählten Personenkreises auf jeweils höchstem Niveau gewährleisten". Sie wurde rund um die Uhr militärisch bewacht. Ein Schutzbauwerk in den Kellerräumen stellte sicher, dass die Patienten auch im Kriegsfall betreut werden konnten. Wegen der guten Sicherungsmöglichkeiten sollte das "Stasi-Krankenhaus" nach der Wiedervereinigung als Haftkrankenhaus genutzt werden. Die hochschlagenden Wogen um das Erbe der Stasi brachten diesen Vorschlag jedoch schnell zu Fall.

Nach der politischen Wende wurde nachgeholt, woran man in den 60er Jahren gescheitert war: die Schaffung einer effektiven Struktur. Das ging zunächst mit einer Halbierung der Bettenzahl auf 1552 und dem entsprechenden Personalabbau einher. Heute sind die 20 Kliniken und sechs Institute in Buch eine Gesundheitseinrichtung der Schwerpunktversorgung mit mehr als 1000 Betten und größter Arbeitgeber im Nordosten Berlins. Die Beschäftigten behandelten 1999 etwa 31 000 stationäre, eine große Zahl ambulanter Patienten und erbrachten Untersuchungsleistungen für rund 120 000 Patienten anderer Häuser.

Und doch: Auch mit 100-jähriger Geschichte bleiben Veränderungen nicht aus. Zum 1. Juni werden die Bucher Kliniken von der Helios Kliniken GmbH, einem privaten Betreiber übernommen. Das wird sich beim Personal ebenso bemerkbar machen, wie an den Gebäuden. Ein bis zum Jahr 2008 geplanter Neubau soll alle übrigen Klinikhäuser ersetzen. Diese werden nach umfassender Modernisierung zahlreichen Start-UpUnternehmen im biomedizinischen Bereich, Seniorenresidenzen und einer privaten Universität Raum geben. Die Ersparnisse durch den Neubau sind ersichtlich: "Statt vier Operationssälen werden wir nur noch einen brauchen", nennt Verwaltungsleiter Lothar Libercka ein Beispiel. Auch der innerbetriebliche Krankentransport, der zur Zeit rund eine Million Kilometer im Jahr zurücklegt, wird überflüssig.

Sicherlich wird der Neubau, der sich laut Libercka harmonisch in das bisherige Erscheinungsbild der Bucher Kliniken einpassen soll, nicht ganz so romantisch. Aber, so Libercka: "Romantik allein macht niemanden gesund."

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