Berlin : Klinische Geiselnahme

Christoph Spielbergs Krimi besticht mit Fachwissen

Ingo Bach

Dieser Krimi hat alle Zutaten, aus denen man einen packenden Thriller aus dem Gesundheitswesen komponieren könnte: geldgierige Chefärzte, die über Leichen gehen; geheime Menschenversuche hinter Klinikmauern und eine Geiselnahme auf einer Intensivstation.

Gerade die Idee, einen Geiselnehmer mit zwei Ärzten, zwei Schwestern und drei schwer kranken Patienten auf der Intensivstation der (fiktiven) Berliner Humana-Klinik für vier Tage zusammenzusperren, erzeugt eine Kammerspielatmosphäre, wie sie Krimis gut tut. Der Autor Christoph Spielberg kennt sich gut aus, er hat bis 1992 selbst als Arzt in einer Berliner Klinik gearbeitet. Doch genau diese professionelle Vorbelastung ist für die Rezeptur des Romans von Nachteil.

Leider beginnt der spannende Teil erst ab Seite 100 – für einen 240-Seiten-Krimi ein quälend langer Anlauf. Vorher traktiert Spielberg den Leser mit Klagen über unmenschliche Arbeitszeiten von Krankenhausärzten, über wachsende Bürokratisierung der Medizin und über die Gefahren des Spardrucks für eine humane Krankenversorgung. Alles wahre und die Seele eines Arztes streichelnde Hinweise – hier aber stört es.

Doch dann gewinnt der Plot an Tempo. Schritt für Schritt lösen sich die Rätsel um die wahren Motive des Geiselnehmers. Denn dass es dem Täter nicht nur um das Lösegeld geht, wird dem Leser schnell klar. Die eine oder andere überraschende Wendung hat der Autor parat, wenn auch manchmal zu Lasten der Logik. Manche glückliche Fügung, die die Geschichte vorantreibt, wirkt dann doch zu glücklich, als dass sie real sein könnte. Alles in allem also ein leidlich spannender Krimi. Als Strandlektüre für Ärzte und Schwestern sicher noch erbaulicher als für medizinische Laien.

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— Christoph Spielberg: Der vierte Tag Piper Verlag 2005. 247 Seiten, 7,95 Euro.

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