Klöster in Berlin : Diesseits von Eden

Sie leben mit Drop-outs in Kreuzberg und kickern mit Jugendlichen in Marzahn. 400 Nonnen und 125 Mönche beten und arbeiten in Berlin – und immer neue Orden zieht es hierher. Ein Überblick.

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Pater Antonius, Prior im Dominikanerkloster in der Oldenburger Straße in Berlin-Moabit.
Pater Antonius, Prior im Dominikanerkloster in der Oldenburger Straße in Berlin-Moabit.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Vor 15 Jahren fragte der damalige Berliner Kardinal Georg Sterzinsky in verschiedenen Klöstern an, ob sie Nonnen nach Berlin schicken könnten. Er bräuchte Frauen, um ihm und anderen Priestern den Haushalt zu führen. Die Schwestern lehnten dankend ab.

Sie kamen trotzdem. Aber nicht, um Priester zu bekochen. Sondern um Krankenhäuser und Jugendzentren zu leiten, in Kindergärten zu arbeiten, Aidskranken beizustehen und Verzweifelten Hoffnung zu geben.

Denn Berlin ist attraktiv für Ordensleute. Der selbst gewählte Auftrag vieler Kommunitäten ist seit dem Mittelalter die Caritas, die Nächstenliebe. Da gibt es viel zu tun in Berlin. Dass viele hier nicht an Gott glauben, schreckt die Brüder und Schwestern nicht ab. Im Gegenteil: Das macht die Sache erst spannend. Es ist keine Kunst, sich als Orden in Regensburg oder Köln anzusiedeln. Aber die Nonnen und Mönche, die es schaffen, die Berliner Behörden von sich und ihrer Arbeit zu überzeugen, verstehen ihr Handwerk.

Berlin und die Klöster – das passt auch deshalb, weil die Stadt so international geworden ist und auch viele Konvente bunt gemischt sind. Außerdem zieht der Hauptstadtbonus: So wie jedes Unternehmen, das auf sich hält, eine Repräsentanz in Berlin eröffnet, wollen auch die geistlichen Gemeinschaften hier Flagge zeigen.

Jede Gruppe findet ihre Nische

Im Erzbistum Berlin leben 400 Nonnen und 125 Mönche in rund 50 klösterlichen Gemeinschaften. Viele haben ihren Standort in Berlin, einige in Brandenburg.

Die meisten Gemeinschaften sind katholisch. Martin Luther hielt nichts davon, dass sich Christen hinter Klostermauern abschotten. So gibt es nur wenige evangelische Klöster, zum Beispiel das Stadtkloster Segen. Einige Kommunitäten wie Chemin Neuf stehen Katholiken und Protestanten offen.

Berlin wirkt wie ein Labor für die Orden. Hier können sie sich ausprobieren, und weil die Stadt so groß ist, findet jede Gruppe ihre Nische. Oft kommen die Ordensbrüder und -schwestern nur zu zweit oder dritt hierher. Um etliche haben sich nach kurzer Zeit Kreise von Menschen gebildet, die ähnliche Interessen haben, in nicht ganz so verbindlicher Form mitmachen wollen oder nur ab und zu vorbeischauen. Die Pallottiner in Neukölln kümmerten sich anfangs zu dritt um eine Pfarrei und um Obdachlose und Arme im Reuterkiez. Mittlerweile helfen zwei Dutzend Nachbarn mit, und junge Menschen aus ganz Deutschland fragen an, ob sie ein Praktikum machen können. Vor 17 Jahren haben drei Franziskanerinnen in Pankow den deutschlandweit ersten ambulanten Hospizdienst für Aidskranke gegründet. Heute arbeiten sie mit 34 Ehrenamtlichen.

Diese kleinen Zellen wirken auch in die Amtskirche hinein. Dass sich Kardinal Rainer Maria Woelki freundlicher über schwule Paare äußert als andere Bischöfe, liegt auch an dem, was ihm Franziskanerinnen über ihre Arbeit erzählt haben.

Manche Orden waren schon immer hier

Das Wort Kloster leitet sich ursprünglich vom lateinischen „claustrum“ (verschlossener Raum) ab und bezeichnet den von der Außenwelt abgetrennten Lebens- und Kultbezirk einer Ordensgemeinschaft. Das Leben im Kloster strukturiert eine Ordensregel. Die frommen Männer oder Frauen binden sich durch ein Gelübde an den Konvent. In diesem „Mehr Berlin“-Beitrag ist der Begriff „Kloster“ weiter gefasst und bezeichnet allgemein Orte, an denen geistliche Gemeinschaften auf Dauer zusammenleben und ihren Alltag nach ihrem Glauben und festen Gebetszeiten ausrichten.

Manche Orden waren schon immer hier. Benediktinerinnen verwalteten ab dem 13. Jahrhundert Dörfer und Ländereien von Spandau bis Lankwitz, trotzten Räubern und der Pest. Die „Jungfernheide“ und die „Nonnendammallee“ erinnern an sie. Die Templer errichteten Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde. Die Franziskaner und Dominikaner siedelten sich im 13. Jahrhundert in der heutigen Stadtmitte an. Sie hatten ein enges Verhältnis zu den weltlichen Herrschern, was sie aber nicht vor Repressalien in späteren Jahrhunderten schützte. Immer wieder wurden Konvente schikaniert und verboten und Klöster enteignet. Das war nach der Reformation im 16. Jahrhundert so und im 19. Jahrhundert während des „Kulturkampfs“ unter Reichskanzler Otto von Bismarck.

Für die Nazis waren die Orden der „militante Arm der katholischen Kirche“. Viele Klöster wurden enteignet, Ordenseinrichtungen geschlossen. Da half auch die Naziflagge auf dem Dach nichts. Die Jesuiten galten als Reichsfeinde und wurden vom Referat Adolf Eichmanns drangsaliert, der auch für die Deportation der Juden zuständig war.

Einige Mönche und Nonnen begeisterten sich für die Nazis und ihre Ideologie, die meisten versuchten, sich wegzuducken. Wenige trauten sich, die Nazis offen zu kritisieren und Verfolgten zu helfen. Einer war Pater Norbert Kubiak. An ihn erinnert ein Stolperstein vor dem Haus der Dominikaner in Moabit. Er wurde in Sachsenhausen ermordet. Nach dem Krieg gingen einige Ost-Berliner Konvente in den Westen. Der Vier-Mächte-Status Berlins schützte die, die in der DDR blieben, vor allzu schlimmen staatlichen Repressalien.

Die wenigsten Kommunitäten ließen sich dauerhaft vertreiben. Wenn die Zeiten wieder kirchenfreundlicher wurden, kehrten sie zurück. Sie kümmerten sich um Arme und Kranke und eröffneten Krankenhäuser, Schulen und Wohnheime.

Klöster schaffen Räume, in denen nicht der Kommerz zählt

Städte verändern sich und mit ihnen die Klöster. Das war schon immer so. Viele Aufgaben der Orden hat der Staat übernommen. Gemeinschaften sterben aus, weil sie nicht mehr gebraucht werden und der Nachwuchs fehlt. Andere fragen sich immer wieder neu, wo und wie sie helfen können. Wo die Lücke im sozialen und gesellschaftlichen Netz ist, die sie schließen können und passen sich so den veränderten Bedürfnissen an.

Die Salesianer haben ihr weitläufiges Gelände am Wannsee verkauft. Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen half ein Aufenthalt in der Idylle nicht unbedingt weiter. Außerdem wollten die Jugendämter dafür kein Geld mehr ausgeben. Heute arbeiten die Don-Bosco-Brüder in Marzahn.

Berlin hat sich in den vergangenen 25 Jahren verändert wie kaum eine andere deutsche Großstadt. Viele unterschiedliche Lebensentwürfe haben hier ihren Platz. Das lockt immer wieder neue geistliche Gemeinschaften mit neuen Angeboten an. Heute sehnen sich viele Menschen nach einem einfacheren Lebensstil. Mönche und Nonnen machen vor, wie das geht. Sie schaffen Erfahrungsräume, in denen nicht der Kommerz zählt und das Denken in Kategorien von Kosten und Nutzen, sondern der einzelne Mensch und Gott. Bei ihnen finden gestresste Großstädter Ruhe und manchmal auch ein bisschen sich selbst. Weil immer mehr Berliner fernöstliche Meditationspraktiken entdecken, gibt es mittlerweile auch eine Handvoll buddhistischer Klöster.

Ordensleute bieten Einsamen Gemeinschaft, hören einfach mal zu und bringen Menschen zusammen, die sich sonst nicht begegnen würden: Konservative und Linke, Burn-out-gefährdete Workaholics und Hartz-IV-Empfänger. Und sie pflegen das kulturelle Gedächtnis der Stadt.

Manche Lebensformen von Ordensleuten sind radikal. Radikal in ihrer Weltabgeschiedenheit wie im Kloster St. Gabriel in Westend. Oder radikal in ihrer Weltzugewandtheit. Etwa wenn Jesuiten in Kreuzberg mit Flüchtlingen und Obdachlosen zusammenleben. Viele Mönche und Nonnen leben das, was Papst Franziskus „verbeulte Kirche“ nennt. Sie gehen an die Ränder der Gesellschaft – in einer geradezu anarchischen Barmherzigkeit. Und dort, an diesen Rändern und in diesen Begegnungen entsteht Neues. Neues, das die Stadt verändert.

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