Berlin : Klosterruhe mitten in der Stadt

Vor einem Jahr startete Projekt in Prenzlauer Berg

Liva Haensel

Die vier steinernen Evangelisten am Portal der Segenskirche in Prenzlauer Berg haben viel Besuch: Täglich kommen Menschen in das Stadtkloster an der Schönhauser Allee 161, um dort gemeinsam zu beten, zu singen und zu meditieren. Im August 2007 war die Schweizer Communität Don Camillo – bestehend aus drei Familien – nach Berlin gezogen, um die Segenskirche zum evangelischen Kloster auszubauen. Das Konzept kommt offenbar an in Berlin: Jeden Sonntag besuchen nach Angaben des Klosterleiters Georg Schubert rund 40 Menschen das Abendgebet; die wöchentlichen Seminare und Angebote für Erwachsene und Kinder werden gut angenommen, sagt er. Finanziell stehe das Klosterprojekt allerdings noch auf wackligen Beinen. Die dafür veranschlagte Summe von 2,5 Millionen Euro sei bereits auf drei Millionen gestiegen. Davon habe der Senat 300 000 Euro übernommen, aber 900 000 Euro seien bereits in die neue Fahrstuhlanlage und Fassadenbauten gegangen, sagt Schubert. Dennoch: Der Schweizer ist zuversichtlich, dass „sich Lösungen durch günstige Kredite und Spenden aufzeigen werden“.

Die Idee, mitten in Berlin ein Kloster zu eröffnen, hatte Pfarrer Giesbert Manglier von der Berliner Segensgemeinde. Manglier war 2006 zu der Communität Don Camillo in den kleinen Ort Montmirail gereist, um dort von seiner Vision zu erzählen. Die Communität zeigte sich angetan von Mangliers Idee und erwarb das renovierungsbedürftige Gotteshaus samt Nebengebäuden im vergangenen Jahr für einen symbolischen Euro von der Evangelischen Kirche.

Die Communität, die einem strukturierten Tagesablauf mit Gebeten und gemeinsamen Mahlzeiten folgt, lädt nun seit Frühjahr Berliner und Touristen ein. Wer will, kann eine Weile mit den Don Camillos mitleben oder auch nur einzelne Angebote wahrnehmen. „Gerade im Osten der Stadt sind die Leute gegenüber Weltanschauungen zu Recht misstrauisch“, hat Schubert beobachtet. „Unser Ziel ist daher eine verlässliche Präsenz: Wir sind Christen, die hier leben und offen sind – das sollen die Berliner mitbekommen.“ Und das tun sie auch. Zum Beispiel bei den Mittagsgebeten mit gregorianischen Gesängen oder Spieleabenden im Kloster. „Ich komme seit ein paar Wochen hierher und mag die schlichten Gebete“, sagt die 32-jährige Dajana Kilian aus Hennigsdorf.

Die nächsten Ziele der Communität stehen schon auf der Liste der Architekten und sollen demnächst verwirklicht werden: eine Heizung für das Kirchengebäude und später ein Café für die Kiezbewohner im alten Torbogen. Im Dezember feiert die Segenskirche dann ihr 100-jähriges Jubiläum. Die vier Evangelisten werden dann wohl noch mehr Besucher bekommen. Liva Haensel

Informationen im Internet unter www.stadtklostersegen.de

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