Berlin : Knallt hart

Heute startet das Kulturfestival 48 Stunden Neukölln – an 140 Orten Eine Künstlergruppe hat zum Stadtteil den passenden Likör erfunden

Sebastian Leber

Alle Zutaten sind mit Bedacht gewählt: Der Anis steht für die türkischen und arabischen Einwanderer. Die Apfelessenzen für das einst bäuerliche Rixdorf. Und der Alkohol gehöre eben auch dazu, sagt Ulrike Dornis.

Die Frau ist ein Viertel des Künstlerkollektivs „Jägudost“. Das hat zum heute beginnenden Kulturfestival „48 Stunden Neukölln“ eine Likörsorte zusammengebraut: „Neuköllnisch Wasser“, die Berliner und obendrein genießbare Variante des rheinischen Duftwässerchens. Es ist Kunst zum Trinken, sagt Dornis. Und zwar eine 30-prozentige. Abgefüllt in 0,04- und Halb-Literflaschen, zum freien Verkauf in 23 Neuköllner Cafés und Bars. Die Idee kam den Künstlern beim gemeinsamen Essen. Sie überlegten, was sie zum diesjährigen Festivalschwerpunkt „Neukölln fließt“ beitragen könnten. „Ein gutes Essen kann visionäre Kräfte freisetzen.“

Auch andere Berliner Künstler müssen gut gegessen haben: Ab heute Abend um 19 Uhr gibt es an 140 Orten des Bezirks zwei Tage lang Installationen, Ausstellungen, Projektionen zu sehen. Da bemalen Künstler Brückenbögen, legen Kopfkissen am Kanalufer aus oder waschen Passanten die Haare. Und auf diversen Neukölln-Safaris können Geschichts- und Kulturinteressierte das Neukölln jenseits der jüngsten Gewaltdebatten erleben.

Mit denen habe das „Neuköllnisch Wasser“ übrigens gar nichts zu tun, sagt Erfinderin Ulrike Dornis. „Weder mit Detlev Bucks Film ,Knallhart‘, noch mit den Konflikten an der Rütli-Schule.“ Sehr wohl sei der Likör aber ein „uneingeschränktes Bekenntnis zu dem wunderbaren Neukölln. Hier kann man prima leben, ohne gleich erschlagen zu werden.“ Tatsächlich kommen nur zwei der Jägudost-Künstler aus Neukölln, die beiden anderen wohnen in Kreuzberg. Aber egal, die Botschaft zählt. Und vielleicht können die Likör-Brauer mit ihrem Produkt bald richtig Geld verdienen. Für den Anfang haben sie 550 Flaschen abgefüllt – aber wenn sich das Getränk gut verkauft und bekannt wird, will Dornis nachbestellen. Sie hat sich da schon mal umgehört: Innerhalb einer Woche bekäme sie 5000 neue Flaschen geliefert, auf Wunsch auch mehr. Ihr selbst schmeckt der Likör „eigentlich ein bisschen zu süß – deshalb empfehle ich zerstoßenes Eis zum Verdünnen.“

Falls Dornis während der 48 Stunden in Neukölln Detlev Buck zu sehen bekommt, will sie ihn auf ein Glas einladen. Der Filmregisseur hat in diesem Jahr die Schirmherrschaft des Festivals übernommen. Weil er den Bezirk mag und nicht für ein „Ghetto“ hält, sondern bloß für einen „Ort, an dem alles zusammenclasht“. Viele verschiedene Kulturen, viele, oft gegensätzliche Lebensstile. „Dadurch ergeben sich auch Schönheiten“, sagt Buck. „Und die finden Sie hier in konzentrierter Form, 48 Stunden lang.“

Mehr zum Thema im Internet

www.neukoellnisch-wasser.de

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