Berlin : Knattersterne statt Böller

Leuchteffekte sind in der Silvesternacht der Trend. Dafür gibt es jetzt neuartige Feuerwerkskörper

Christoph Stollowsky

Rubinrote Knattersternenbuketts, silberne Schneeflockenfontänen oder soundstarke Silbercracklingkometen – eine ganze Fontäne von Werbesprüchen brennen die Feuerwerksfirmen derzeit ab. Oberbrandmeister Marco Trenn von der Berliner Feuerwehr verfolgt das mit Freude. Der Trend geht zu „optischen Effekten mit geringerem Gefahrenpotenzial“, sagt er – also weg von den Kanonenschlägen. Immer mehr Berliner vertreiben die bösen Geister mit Raketen und anderem Lichterhokuspokus statt mit Lärm, das war schon in der vergangenen Silvesternacht zu sehen. Am heutigen Verkaufsstart für Feuerwerk werden in den Regalen deshalb weitere Neuheiten liegen, die ein Zauberwerk fürs Auge entfachen.

„Leuchten, leuchten leuchten – umso länger, umso besser“. So beschreibt auch Olaf Gödeke den letzten Schrei beim Silvesterspaß. Ermöglicht wird das durch so genannte Kombinations- oder Systemfeuerwerke, mit denen jetzt auch Laien ein wahres Schauspiel entfachen können – und zwar zugleich in Augenhöhe und am Himmel. Der 43-jährige Profi-Pyrotechniker Gödeke unterrichtet sein Fach an der Technischen Universität (TU) und inszeniert selbst Großfeuerwerke, beispielsweise zu den Musikfestspielen in Sanssouci. Dabei stimmt er jedes Flimmern und jedes Prachtbukett mit dem Lauf der Töne ab.

Derart perfekt funktionieren die neuartigen Feuerwerksartikel zwar nicht, doch immerhin haben auch sie eine „eigene Dramaturgie“, so Gödeke. Dafür bringen die Hersteller unterschiedlichste Feuerwerkskörper in meist gleich großen Pappröhren unter und packen diese nebeneinander in einen Plastikkasten. Der heißt dann mit Blick auf artilleristische Vorbilder „Moonlight-Batterie“ oder „Multi-Fächersalven-Batterie“.

Glimmt die Zündschnur, brennen der Vesuv, die Rakete, Heulpfeife und andere gekoppelte Leucht-, Knister- oder Farbeffekte oft mehr als eine Minute lang hintereinander ab – je nachdem, welcher Schuss gerade an der Reihe ist. Sie sprühen und funkeln in Augenhöhe und schießen zwischendurch Salven bis zu 90 Meter in den Nachthimmel. „Das sieht dann aus wie eine Rakete, sagt Jens Thomas vom Pyrotechnik-Hersteller „Comet“.

Zwölf bis 100 Schuss enthalten die meisten dieser Kombinationsfeuerwerke für durchschnittlich 7 bis 10 Euro. Sie werden meist in China hergestellt und sind in Deutschland erst seit fünf Jahren erhältlich.

Insgesamt zünden die Berliner nach den Unterlagen des Verbandes der pyrotechnischen Industrie etwa 3000 Tonnen Feuerwerksartikel an Silvester – gut ein Kilo pro Einwohner. Mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Rund 400 Millionen Euro geben die Berliner dafür in den wenigen Tagen vor Neujahr aus – und zu etwa 75 Prozent kaufen sie inzwischen „leuchtendes Feuerwerk“. Der Anteil der Böller war vor zehn Jahren noch deutlich höher. Verbandschef Klaus Gotzen: „Alles, was Krach macht, ist heute eher ein Teenie-Spaß.“

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