Berlin : Kneipen-Joint Venture: Espresso statt Aldi-Kaffee

Henning Kraudzun

Das Schlupfloch ist geblieben. Wer wie vor zehn Jahren im Café Cinema in der Rosenthaler Straße die gemütliche Atmosphäre zwischen DEFA-Filmplakaten und Fotomosaiken sucht, wird aufatmen. Alles beim alten, nur rundherum hat sich die Welt geändert.

Als Monika Puhlmann und Michael Buch einen Tag vor dem Einheitstrubel das vermutlich erste Gesamtberliner Kneipen-Joint Venture eingingen, war die Umgebung noch grau, die Häuser marode. Auch die Hackeschen Höfe nebenan standen zwischen Verfall und abenteuerlichem Autogewerbe. "Damals war die Gegend noch ein verschlafener Vorort, nur in der Mitte gelegen", sagt Buch. Er war aus dem Westen nach Ost-Berlin gekommen, um mit der Künstlerin Monika Puhlmann die Szenekneipe zu eröffnen.

Mit ihrem Vorhaben standen sie in den letzten Monaten der DDR allein auf weiter Flur - im doppelten Sinne. Zum einen, weil man Puhlmann und Buch in der Kommunalen Wohnungsverwaltung ungläubig ansah, als sie um einen Gewerberaum baten. Andererseits waren sie lange Zeit die erste Szenekneipe im Kiez - etwas völlig anderes als die HO-Gaststätten. Über 70 leere Ladenlokale zählten sie in der Spandauer Vorstadt. Aber auf dem Ost-Berliner Amt hieß es immer: "Unvermietbar!" Die Odyssee dauerte so lange, bis der Film- und Fernsehverband einen Geschäftsraum anbot. "Das war reiner Zufall", sagt Buch.

Vom Inventar hat sich einiges in die heutige Zeit hinübergerettet. Nur die Clubtische, wie sie überall im Osten standen, flogen raus. "Damals waren sie schrecklich, heute sind sie wieder hipp", sagt Puhlmann. Wenige Dinge veränderten sich: "Natürlich haben wir jetzt eine Espressomaschine anstelle des Aldi-Kaffeekochers, aber das ursprüngliche Ambiente wollten wir erhalten", erzählt Puhlmann. Auch einige Stammgäste gehören inzwischen zum Inventar, wie der Theaterfotograf Arwid Lagenpusch, der gleich nach der Eröffnung kam. Seine Portraits von Kneipenbesuchern hängen an allen Wänden.

Lagenpusch fotografierte so die ersten zaghaften Begegnungen zwischen Ost und West im Kerzenschein. "Das Ganze konnten wir auch selber gut beobachten, bei 16 Stunden Tresendienst", sagt Buch. Vor allem habe ein unbefangenes Beschnuppern zu offenen Gesprächen geführt. Manchmal indes wurden die Annäherungen zur Schmuserei. Die ersten Ost-West-Paare besuchten das Café oder lernten sich dort kennen. Den ruhigen und anheimelnden Raum benannten die Gäste bald um. Das CC hieß fortan "Kusscafé".

Mit jedem sanierten Haus kamen andere Gesichter in das Café, neugierig auf die Kiezatmosphäre. "Gegenüber standen in der ersten Zeit noch Prostituierte auf dem Parkplatz, hinter der Currywurst-Bude", erzählt Puhlmann. Jetzt blickt man dort auf die bunten Fassaden des neuen Hackeschen Marktes. Drüben, im neugebauten Altenpflegeheim, schauen Senioren von ihren Balkonen auf das hektische Treiben.

"Nachdem die Hackeschen Höfe saniert waren, hat sich hier alles grundlegend verändert - aber nicht zum Guten", bemängelt Buch. Andere Szenekneipen und Edelrestaurants, die in der Umgebung wie Pilze aus dem Boden schossen, haben das Bild verändert. "Tante Emma gibt es hier nicht mehr", sagt Buch. Schicke Designerläden, Galerien und Touristenfallen sind geblieben oder neu hinzugekommen. Dennoch, bei der großen Konkurrenz, sei die Kneipe immer noch voll. "Und die ursprüngliche Besatzung ist geblieben." Damals saßen sie im CC, um das Grau zu vergessen, heute kommen sie immer noch - um der Glitzerwelt zu entkommen. Irgendwann folgen die Stars: "Neulich war Franka Potente hier", verrät Buch.

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