Kneipentour in vollen Zügen : Soll Alkohol in Bussen und Bahnen verboten werden?

Im Berliner Nahverkehr dürfen Fahrgäste noch zur Flasche greifen, und vorerst soll das auch so bleiben – ein Pro & Contra. Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit.

Klaus Kurbjuweit
Bier
Bier in der Bahn - das ist in Berlin erlaubt, aber manch einem Fahrgast schmeckt das nicht. -Foto: Keystone

Trinken in Bahnen und Bussen – der Griff zur Flasche ist selbstverständlich geworden. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind vor allem nachts längst zur rollenden Kneipe geworden – nicht immer zur Freude aller Fahrgäste. An ein Bier- oder Schnapsverbot denkt man in Berlin aber nicht, anders in München. Dort darf in den U-Bahnen, den Trams und den Bussen der Stadt kein Alkohol getrunken werden. Und die Metronom-Gesellschaft, die in Niedersachsen Nahverkehrszüge betreibt, will das Alkoholverbot zum 15. November einführen.

Der exzessive Alkoholkonsum vor allem an Wochenenden durch Jugendliche, Fußballfans und Veranstaltungsbesucher verwandele die sonst gepflegten Züge in regelrechte „Katastrophengebiete“, begründete die privatwirtschaftlich organisierte Metronom-Gesellschaft ihr Verbot. Ungehemmtes Benehmen, Belästigungen und sogar Bedrohungen von Fahrgästen und Mitarbeitern, Vandalismus und Verunreinigungen der Züge seien fast immer mit dem Alkoholkonsum verbunden. Das Verbot solle aber auch verhindern, dass Kinder durch trinkende Jugendliche und erwachsene „Vorbilder“ lernten, dass es selbstverständlich sei, zu jeder Tageszeit und überall Alkohol zu konsumieren, heißt es bei Metronom weiter. Die Mehrheit der Fahrgäste habe sich für ein Verbot ausgesprochen.

Auch in München, wo das Verbot seit dem 1. August gilt, hatte sich nach Angaben des Verkehrsbetriebes MVG gezeigt, dass sich viele Kunden, vor allem Frauen, durch trinkende oder betrunkene Fahrgäste verunsichert fühlten – auch solche, die zu den 93 Prozent der Fahrgäste gehörten, die sich in der U-Bahn prinzipiell sicher fühlten. Vorher hatten sich bereits im Frühjahr 83 Prozent der Befragten für das damals eingeführte Alkoholverbot in allen Anlagen der U-Bahn, auch in den Gängen der Bahnhöfe, ausgesprochen.

Kontrolliert werde das Verbot „mit Augenmaß“, heißt es bei der MVG. Weiter trinkende Fahrgäste würden vom Sicherheitspersonal der U-Bahn-Wache angesprochen. Große Auseinandersetzungen habe es bisher nicht gegeben. Ob der Konsum von alkoholischen Getränken tatsächlich zurückgegangen ist, lasse sich aber noch nicht sagen.

In Berlin wollen die Verkehrsbetriebe zumindest derzeit nicht so weit gehen. Die Vorschriften ließen bereits jetzt zu, dass betrunkene – oder anders berauschte – Fahrgäste, die eine Gefahr für die Sicherheit oder Ordnung darstellten, von der Mitfahrt ausgeschlossen werden, heißt es übereinstimmend bei der BVG, der S-Bahn, im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) und auch bei der Bundespolizei, die für die Züge der Bahn zuständig ist.

Gegen ein „Feierabendbier“ sei nichts einzuwenden, und „Lustigmacher“, etwa vor einer Party, wolle man nicht verhindern, sagten Sprecher der Unternehmen unisono. Ein Schlückchen, oder auch mehrere, dürften sich sonst ja auch nicht mehr die Teilnehmer an Ausflügen genehmigen, die in der Regel keine anderen Fahrgäste belästigten.

In besonderen Situationen würden Verbote gezielt ausgesprochen, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. So sei etwa bei Fußballspielen oder vor Demonstrationen mit Krawallgefahr in Zügen bereits das Mitnehmen von alkoholischen Getränken untersagt und auch kontrolliert worden. Dies habe sich bewährt. Grundsätzlich sollten die Fahrgäste aber nicht über Gebühr gegängelt werden.


PRO

Der Typ blockiert die letzten drei Sitzplätze im Waggon. Aber man lässt ihn, weil eine Bierflasche auf dem Kopf sicher ziemlich wehtut. Den besoffenen Mädels gegenüber läuft gerade ihr umgekipptes Mixgetränk ins Sitzpolster, aber man sagt lieber nichts, denn sie sind zu dritt und schon ziemlich weich in der Birne. Der Betrunkene pöbelt lautstark vor sich hin, aber man … Und so weiter. Jeder Stammkunde von BVG und S-Bahn erlebt solche Geschichten – und zwar öfter, als ihm lieb ist und keineswegs nur mitten in der Nacht oder nach Fußballspielen. Man leidet aus Gründen der eigenen Sicherheit lieber still – und fragt sich doch, ob das alles so sein muss. Klare Antwort: Nein. Die Diktatur durch solch ein Benehmen mag alltäglich sein, aber zulässig ist sie deshalb noch lange nicht. Es gibt nicht die geringste Notwendigkeit, in der Bahn Alkohol zu konsumieren, ausgenommen vielleicht die Einnahme von Hustensaft. Es gibt keinerlei gegensätzliche Interessen, die abzuwägen wären. Insofern liegt der Fall völlig anders als etwa der des Rauchverbots in Kneipen. Obdachlose Alkoholiker müssen im Winter nicht gleich hinausgeworfen werden, wenn sie niemanden belästigen. Aber die Bahn ist nicht primär die Rettungsinsel für Gestrandete, sondern das Mittel, das einen sicher von A nach B bringen soll – zum Preis von 72 Euro monatlich. Ein Teil davon geht übrigens zur Beseitigung alkoholbedingter Schäden drauf. Stefan Jacobs


CONTRA

Zugegeben: Betrunkene Fahrgäste in der S-Bahn oder im BVG-Bus nerven. Aber nur bei einem Bruchteil derjenigen, die dort Alkohol trinken, wirkt sich das auch negativ auf andere Fahrgäste aus. Ein vorzeitiges Feierabendbierchen auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, wer wollte dies verwehren? Und ohnehin: Alkohol an solchen Orten kann man zwar verbieten, Betrunkene aber noch lange nicht. Gegen sie wäre das Verbot von Alkoholkonsum allenfalls eine kosmetische Maßnahme. Einen schlechtgelaunten, gar krawallbereiten Betrunkenen hält das keineswegs davon ab, in die Bahn zu steigen und zu pöbeln, ob mit Flasche oder ohne. Genausowenig aber, wie das Zutrittsverbot betrunkener Fahrgäste machbar oder sinnvoll wäre, so wenig könnte man mit vertretbarem Aufwand das Verbot von Alkoholkonsum im öffentlichen Nahverkehr kontrollieren. Ein Promille-Wart in jedem Wagen? Personal kann man sinnvoller einsetzen. Das Verbot wäre also eine sinnlose Alltagsregel mehr. Demgegenüber allerdings steht das lockere, weltoffene Image der Stadt, das Besucher schätzen. Ein wenig Entspanntheit der Berliner wäre auch bei diesem Thema ratsam. Und amerikanische Zustände – das heimliche Saufen aus Flaschen, die durch Papiertüten nur notdürftig kaschiert sind – kann doch niemand ernsthaft anstreben. Patricia Hecht


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