Berlin : Knick in der Optik

Am Wochenende werden die Bügelbauten am Hauptbahnhof gekippt. Wir geben Tipps, wo die Aktion am besten zu sehen ist

Stefan Jacobs

Am kommenden Wochenende werden rund um den neuen Hauptbahnhof wirklich alle strapaziert: Die Bauleute, die die erste der beiden Gebäudebrücken über dem Hallendach zusammenfügen müssen. Die Reisenden, weil die Stadtbahntrasse zwischen Bellevue und Friedrichstraße komplett gesperrt wird. Und der neue Rasen, weil die Schaulustigen in Scharen herbeiströmen werden, um das Hightech-Spektakel zu beobachten. Niemand weiß, wie viele Zuschauer es werden – denn das, was sich am Hauptbahnhof tut, ist für alle Beteiligten beispiellos. Eines aber ist sicher: Es gibt einige Plätze mit guter Aussicht auf das Ereignis. Man muss nur wissen wo.

Perfekt ist der Blick vom neuen Spreebogenpark auf der südlichen Flussseite. Das Ufer samt autofreier Promenade ist hier terrassenähnlich gestuft und gegenüber dem Humboldthafen sogar logenartig erweitert, als wär’s ein Freilufttheater. Der Platz vor der Hafeneinfahrt ist auch deshalb besonders reizvoll, weil man hier genau über dem Bahntunnel steht, der von Süden her in den Hauptbahnhof führt – das steigert die Ehrfurcht vor dem, was die Ingenieure leisten und geleistet haben. Wer ein gutes Teleobjektiv hat und lieber etwas mehr Abstand hält, sieht auch von der Kronprinzenbrücke am Ende der Reinhardtstraße gut.

Auch auf der Grünfläche hinter dem Ufer ist viel Platz, und die Sicht dürfte auch aus den hinteren Reihen gut sein, weil das Bauwerk selbst am Ende des Kippvorganges noch fast 50 Meter in die Höhe ragt. Beim Start aus der Senkrechten reicht es sogar über 70 Meter hoch. 43,5 Meter davon entfallen auf die eigentlichen Bügel, die in der Senkrechten vormontiert wurden und am Wochenende um (gut sichtbare) Scharniere herumgeklappt werden, bis sie sich – hoffentlich – in der Mitte über dem Bahnhofsdach treffen. Und zwar auf zwei Zentimeter genau. Das soll an diesem Wochenende beim westlichen Bügel funktionieren. Zwei Wochen später wird der östliche auf gleiche Weise zusammengefügt. Aus den Angeln gehoben und gehalten werden die jeweils 1250 Tonnen schweren Brückenhälften von Stahlseilbündeln, die in den Gebäudesockeln links und rechts der Bahnhofshalle verankert sind und hydraulisch bewegt werden. Weil das mit einer Skizze in der Hand am besten zu verstehen ist, druckt die Bahn extra Faltblätter, die sie an ihrem Infostand in der Rahel-Hirsch-Straße (siehe Grafik) verteilen will. Hier am Bauzaun dürfte das Gedränge groß werden, die Sicht auf den West-Bügel ist aber ebenfalls gut. Näher heranzugehen brächte keinen Gewinn, nur einen steifen Hals.

Von der Nordseite her ist das Spektakel zwar ebenso gut zu sehen, aber auf dem schmalen Gehweg der Invalidenstraße wird es am Wochenende besonders ungemütlich werden, weil hier zusätzlich zum normalen Verkehr die Ersatzbusse vorbeifahren müssen.

Schwieriger als die Standortsuche könnte die Frage werden, wann genau es spannend wird. Die Bahntrasse wird schon am Freitag um 22 Uhr gesperrt. Bei einer maximalen Kippgeschwindigkeit von sechs Metern pro Stunde wäre die Sache theoretisch nach knapp zwölf Stunden erledigt. Praktisch dürfte es aber länger dauern, so dass sich am Sonnabend ein nicht allzu spätes Frühstück empfiehlt – oder ein morgendlicher Ausflug mit dem Picknickkorb. Der genaue Zeitplan der Ingenieure ist geheim; bei der Bahn heißt es nur: „Man kann ja Strickzeug mitnehmen oder den englischen Harry Potter, um sich die Zeit zu vertreiben.“ Auch Verpflegung scheint ratsam, denn beim Bezirksamt Mitte hat bisher niemand die Aufstellung einer Wurstbude beantragt. Allerdings ist der Bundespressestrand nicht weit. Der ist zugleich ein heißer Tipp für alle, die an diesem Sonnabend doch zu spät aufgestanden sind oder nicht genug bekommen haben: Wenn zwei Wochen später der östliche Bügel zusammengefügt wird, hat man von hier, aus dem Liegestuhl, den allerbesten Blick.

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