Berlin : Knietief im Löschwasser

Brandhaus an der Pfalzburger Straße bleibt gesperrt Mieter sind bei Verwandten und in Notunterkünften

Christian van Lessen

„Ich fühle noch den Schrecken in den Gliedern“, sagt Renate Eichler aus dem Hinterhaus. Sie hatte am späten Freitagabend die Feuerwehr alarmiert, als Qualmgeruch durch ihr Küchenfenster im ersten Stock zog. „Ich sah gegenüber das Dach brennen.“ Am Sonntag steht sie fassungslos mit anderen Mietern und Anwohnern vorm Brandhaus Pfalzburger Straße 8 in Wilmersdorf. Es ist mit rußgeschwärzten Fensterhöhlen, dem ausgebrannten Dachstuhl zur traurigen Attraktion am Ludwigkirchplatz geworden.

Das Vorderhaus mit seinen meist vermieteten Eigentumswohnungen steht völlig leer, etliche Rollläden sind heruntergelassen. „Furchtbar, so kurz vor Weihnachten,“ sagt Renate Eichler. Sie weiß, dass Nachbarn von vorn gerade erst die Wohnung renoviert, es sich richtig schön gemacht hatten. Sich darauf freuten, hier Weihnachten zu feiern. Seit dem Feuer hat sie nichts mehr von ihnen gehört. Der Brand, aus noch ungeklärter Ursache in einer Wohnung im vierten Stock ausgebrochen, wurde gerade noch rechtzeitig entdeckt, so dass kein Mensch zu Schaden kam. Aber das Feuer fand noch Zeit, sich durch die ganze Etage, ins Dach und das Stockwerk darunter zu fressen.

Vorm Haus hat der Brand Spuren hinterlassen: Trümmer im Hof, eine zerborstene Regenrinne, zerbrochene Dachziegel auf dem Gehweg, der aus Sicherheitsgründen gesperrt wurde. Die 40 Bewohnern des evakuierten Vorderhauses haben keine Spuren hinterlassen. Die meisten sind mit dem, was sie in der Eile zusammenpacken konnten, bei Freunden und Bekannten untergekommen, auch in einem Heim. Notunterkünfte vermittelte der Sozialstadtrat. Eine Familie fand gleich im Hinterhaus Unterkunft, die zerstörte Wohnung vor Augen. „Wir haben jetzt viel zu viele Probleme, als dass wir darüber reden können“, sagt ein junger Mann sehr traurig. Seine Nerven liegen blank, die Zukunft ist ungewiss.

Vor dem Haus spekulieren Bewohner, wie das Feuer entstanden sein könnte. Der Mieter der Brandwohnung, heißt es, soll während des Unglücks nicht im Haus gewesen sein. Brachte die vergessene Kerze eines Adventskranzes Unheil über das Gebäude? Passanten überklettern die Sicherheitsleine der Polizei und können lesen, was auf dem großen Zettel an der Haustür steht: Das Betreten des Hauses, das baupolizeilich gesperrt wurde, sei bis auf Weiteres untersagt. „Weitere Fragen zum Schadensereignis werden am Montag beantwortet.“ Ein ausländischer Anwohner kommt vorbei und fragt: „Ist das in Deutschland so üblich? Warum müssen alle Leute aus dem Haus, warum stehen die Fenster offen, warum wird nichts repariert, damit nichts durchregnet?“

Renate Eichler aber hat gesehen, dass im Hausflur des Vorderhauses knietief das Löschwasser stand. „Es ist alles durchgelaufen von oben.“ Das Hinterhaus blieb von Auswirkungen fast verschont, hat aber erst seit kurzem wieder Heizung und Warmwasser. „Das wird Jahre dauern, bis ich meine Wohnung wieder hinbekomme“, sagt ein vom Brand betroffener Mieter, der mit dem Fahrrad vorbeikommt. Er hat Tränen in den Augen, als er auf die Haustür zugeht und die Zettel betrachtet. Neben der Mitteilung der Polizei ist noch ein kleinerer, älterer Hinweis zu lesen: Die Bewohner sollten sich darauf einstellen, dass am 10. Dezember der Hauptwasserzähler ausgewechselt wird.

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