Berlin : Knochenfunde: Berliner Baualltag - Bagger schaufeln Geschichte ans Licht

Ingo Bach

Zehntausende sind im Laufe der Geschichte in Berlins Straßen umgekommen, weil sich so mancher Krieg in der preußischen und deutschen Hauptstadt austobte. Nur ein Bruchteil von ihnen wurde auf Friedhöfen bestattet - der Rest in Massengräbern verscharrt oder in zusammengestürzten Kellern für immer verschüttet. Jahrzehnte später kommen die sterblichen Überreste wieder ans Tageslicht. Für die Fundamente der Regierungsbauten, Shopping-Malls und Bürotürme werden immer tiefere Erdschichten umgewühlt. "Praktisch jeden Tag stoßen Bauarbeiter auf Knochen", sagt Volkmar Schneider, Chef des Berliner Landesamtes für gerichtliche und soziale Medizin. Berlin liege an der Spitze aller Skelettfunde in Deutschland, heißt es aus dem Landesamt.

Die spektakulärste Entdeckung machten Bauarbeiter vor zwei Jahren in der Baugrube des Lehrter Stadtbahnhofs: aus den insgesamt 35 000 Knochenstücken, die von Mai bis Juli mühsam ausgegraben wurden, schlossen die Gerichtsmediziner auf etwa 500 Leichen. Spätere Untersuchungen ergaben, dass die Toten aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon stammten. Die genaue Todesursache konnte allerdings nicht geklärt werden.

Die meisten Knochenfunde landen im Leichenschauhaus. Gerichtsmediziner versuchen dann, Geschlecht, Größe, Liegezeit und Todesart zu bestimmen - und als allererstes, ob es sich überhaupt um menschliche Knochen handelt. Oft geben besorgte Bürger bei der Polizei Gebeine ab, die von einem Schaf oder einer Ziege stammen - denn für einen Laien ist es nahezu unmöglich, diese von menschlichen Skelettresten zu unterscheiden. Selbst bei den Fachleuten im Landesamt steht für alle Fälle ein Anatomie-Atlas für Tierärzte bereit.

Die Todesart ist bei Knochenfragmenten - aus viel mehr bestehen die meisten Funde nicht - oft nur schwer zu bestimmen. Scharfe Einschusskanäle im Schädel, die von einer Pistolenkugel zeugen, sind selten. Löcher im Kopf oder gebrochene Knochen können auch längst nach dem Tod entstanden sein.

Die aufwendigen Analysen sollen klären, ob es sich bei dem Fund um das Opfer eines Gewaltverbrechens handelt, das vom Täter verbuddelt wurde, oder um eine seit Jahren vermisste Person. Meist aber sind es Gefallene des Zweiten Weltkrieges. "Bei einem haben wir sogar noch eine Weinflasche gefunden, mit der das Kriegsopfer offenbar seine letzten Stunden verbracht hat", sagt Volkmar Schneider, der zugleich auch Chef der Forensischen Medizin an der Freien Universität ist.

Doch solche Rekonstruktionen sind die Ausnahme. Meist kann nicht einmal die Identität der Toten bestimmt werden. Unidentifizierte Knochen werden nach der Untersuchung verbrannt.

Laut Berliner Bestattungsgesetz muss jeder Leichenfund bei der Polizei gemeldet werden. Das gilt für Großinvestoren ebenso wie für private Bauherren. Doch kann dasteuer werden, denn der Bauherr muss die Bergung der Leichenteile bezahlen und darf in der Zeit nicht weiterbauen. Ein Grund dafür, dass nur etwa die Hälfte aller Knochenfunde in Berlin gemeldet werden, wie man beim Landesamt für gerichtliche und soziale Medizin schätzt. Der Rest wird einfach wieder untergepflügt.

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